Sonntag, 18.09.2022
Kaum aufgewacht, muss ich euch nochmal mit einem Bild vom Balkon aus quälen. Aber: lange Zeit um die Aussicht zu genießen, haben wir nicht.
Schon um 09:10 Uhr startet heute unser Bus für eine erste Inseltour. Von der St. Brelade’s Bay aus fahren wir (wie eigentlich immer in den nächsten Tagen) rein nach St. Helier um die Mitreisenden aus den beiden dortigen Hotels abzuholen.
Auf der anschließenden kurzen Fahrt über die Insel erfahren wir von unserer Reiseleiterin schon mal den einen oder anderen interessanten Funfact.
Jersey und auch Guernsey drucken ihr eigenes Geld, haben eine eigene Gesetzgebung und sind doch kein eigener hoheitlicher Staat. Zum Vereinigten Königreich gehören sie aber auch nicht. Sie sind Kronbesitztümer – also Eigentum von King Charles. Auch in der EU waren sie nie.
Schon im 17. Jahrhundert war Schmuggel ein einträgliches Geschäft auf den Inseln. Mit dem „Verschieben“ von Waren hatte man also beste und langjährige Erfahrungen und die galt es irgendwann, in die Neuzeit hinüber zu retten. Beim „Verschieben“ ist’s geblieben und Geld ist letztlich nur der Gegenwert von „Ware“. Deshalb wurde beschlossen, dass ausländische Anleger mal eben keine Steuern auf ihre Einlagen bei den Banken zahlen müssen. Die Steueroasen im Ärmelkanal waren geboren.
Erst nach der Lehmann-Pleite und dem nachfolgenden Finanzcrash im Jahr 2008 wurden die Zügel etwas angezogen und seitdem gibt es eine 5%ige Mehrwertsteuer auf Jersey. Die Einkommenssteuer liegt seit der deutschen Besatzung während des 2. Weltkrieges bei 20%. Das war es dann aber auch schon. (Zu den Ausnahmen komme ich dann an einem anderen Tag unserer Reise.)
Begriffe wie Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, Kapitalertrags- oder Körperschaftssteuer sind Fremdwörter. Sie werden schlichtweg nicht erhoben – bis heute. 37% der Einwohner sind in der Finanzdienstleistungsbranche tätig. Der Tourismus spielt nach wie vor nur eine sehr untergeordnete Rolle auf den Inseln. Man findet hier vor allem Briten, die das Klima lieben und Franzosen, die das Essen mögen. Die Inseln haben es geschafft, sich von allem das Beste herauszupicken.
Trotzdem ist es nicht so einfach, hier mal eben herzuziehen. Gemietet wird hier quasi gar nicht, hier wird gekauft. Aber: kaufen darf man erst, wenn man mindestens 10 Jahre hier gearbeitet hat. Auch von dieser Regel gibt es Ausnahmen, aber für die muss man schon Popstar sein oder mindestens mehrere Milliönchen schwer. Um den Ausverkauf der Inseln zu verhindern, gibt es zwei Immobilienmärkte: den Open-Market – für die Millionäre und den Local Market – für die Einheimischen.
Wie oben schon erwähnt, gibt es auf Jersey keine Hausnummern. Dafür hat jedes Haus einen Namen. Hat man nun das Glück, ein Haus auf dieser Insel kaufen zu dürfen, darf man dem Haus einen neuen Namen geben, der dann auch im Grundbuch eingetragen wird.
So langsam kommen wir dann auch schon zur ersten Station unserer Rundfahrt. Der Dolmen de Faldouët als prähistorischer Auftakt. Die Inseln im Ärmelkanal sind ja erst seit dem Ende der letzten Eiszeit, Inseln. Vorher waren sie Teil des Kontinents. Daher wundert es nicht, dass hier mehrere solcher Grabanlagen entdeckt wurden. Diese hier versteckt sich am Ende eines schmalen Pfades, der von einer kleinen Kreuzung abgeht. Wer das winzige Hinweisschild übersieht, wird wohl Mühe haben, den Dolmen überhaupt zu finden.
Fußläufig erreichen wir dann den ersten echten Höhepunkt dieses Tages: Mont Orgueil Castle
Vorher aber kommen wir auf dem Weg zur Burg noch an diesem kleinen Anwesen vorbei.
Der Besitzer ist gerade dabei, mit seinem Ford Mustang Cabrio – geschätztes Baujahr 1971 - zu einer kleinen Sonntagsausfahrt aufzubrechen. Auch wenn das Wetter nicht so schön gewesen wäre, hätte der Herr durchaus noch PS-starke Alternativen gehabt.
Die Garage lässt er einfach offenstehen – kommt ja nichts weg. Ist ja schließlich eine Insel. Wir sind uns einig: Das hier ist allerhöchstens mittleres Finanzmanagement, was wir hier sehen!
Nur wenige Schritte weiter beginnt dann der Aufstieg zur Burg.
Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Gelegenheiten zum Verschnaufen. Hier wird z.B. sehr anschaulich und überlebensgroß dargestellt, welche verschiedenen Körperteile eines Ritters denn von welchen Verletzungen betroffen sein können.
(Ein Bild würde ich euch gern zeigen – wäre auch gar nicht blutig – aber leider zählt das sicher zu „Bilder von Kunstwerken“.)
In einem der Säle liegt auch hier ein Kondolenzbuch für die verstorbene Königin. Ihre Beisetzung ist für morgen, Montag 19. September geplant und wird auch unser Tagesprogramm etwas beeinflussen.
Vom höchsten Punkt der Burg hat einen schönen Blick auf den Ort Gorey und einen Teil der Royal Bay of Grouville ganz im Osten Jerseys.
Hier oben gibt es auch eine schöne Darstellung der einzelnen Gemeinden, in die Jersey aufgeteilt ist. Sie tragen jeweils den Namen des Heiligen, der Patron ihrer Kirche war. Hier sieht man auch mal die Fahne Jerseys.
