Hallo liebe Foris,
bevor ich meinem neuesten Reisebericht beginne: wie immer eine kurze Vorgeschichte.
Sie hat eigentlich so überhaupt nichts mit der Reise zu tun, von der hier berichtet werden soll, aber ich bringe es nicht übers Herz, sie euch vorzuenthalten:
Vorfreude, schönste Freude – Freude im Advent
„Also, ick mach den Fuchs!“, sagt Ilona entschlossen und wickelt sich noch etwas tiefer in ihrem Wintermantel ein.
„Da muss ick am Anfang nur eenmal durchs Bild loofen und in der Mitte werd ick dann erlegt und überall als Trophäe rumgezeigt.“, energisch verschränkt sie die Arme vor der Brust.
„Keen Text! Und zeitig Feierabend! Jenau mein Ding!“
Klingt plausibel, aber ich fürchte so einfach wird es nicht sein – nicht bei unserer dünnen Personaldecke.
Da werden sich wohl Doppelrollen nicht vermeiden lassen – und bisher ist die böse Stiefmutter noch zu haben.
Ilona, mir schwant da Böses!
Heute ist der Samstagabend vor dem 1. Advent und wir feiern Vorstadtweihnacht im Norden Brandenburgs.
Das hier ist keine offizielle Veranstaltung – es ist ein rein privates Treffen von Anwohnern einer kurzen Stichstraße am Stadtrand, hinter der es dann direkt in die Felder der Uckermark übergeht.
Vier Familien und wir Berliner – vor ein paar Jahren durch eine zufällige Begegnung „adoptiert“ in diese Gemeinschaft.
Lagerfeuer, Kesselgulasch, Bratwürste und dazu jede Menge Winzerglühwein aus dem Rheintal.
Zwei Tage lang hat es geschneit – und das ist dem ganzen Ambiente hier doch sehr zuträglich. Und noch ein Glühwein, und noch …
„Egal! Komm! Einer geht noch!“
Iss aber auch lecker, das Zeugs!
Als uns dann aber doch kalt wird, sitzen wir bei Heinz im Anbau, unterhalten uns über dies und jenes und irgendwann kommt sie dann – die Frage aller Fragen: „Kam dieses Jahr eigentlich schon drei Haselnüsse?“
„Nee, aber morgen um drei im Ersten!“
„Genau! Um zwölf macht der Weihnachtsmarkt auf, um eins sind wir da, dann sind wir um drei wieder zu Hause und dann auf die Couch – Haselnüsse gucken!“
Das nenn ich mal einen stringenten Zeitplan!
Und die meisten von euch werden jetzt sicher annehmen, dass der Mensch hinter diesem Zeitplan eine Frau ist – und sie irren!
„Ich lass mir doch die drei Gaylords nicht entgehen!“
„Möchtest du drüber reden?“
„Über was?“
„Über Männer in Strumpfhosen zum Beispiel, so im Allgemeinen…“
„So ein alter Schei..“, poltert Heinz dazwischen. „Der Film hat noch nich mal watt mit Weihnachten zu tun – außer, dass da Schnee liecht. Datt kannste dir doch nich mehr angucken.“
Also! Da sind jetzt aber fünf Frauen und ein Mann ganz anderer Meinung!
Draußen vor der Tür hat es inzwischen wieder ganz leicht angefangen, zu schneien.
„Guck mal raus, bei uns hier sieht’s fast so schön aus, wie beim Aschenbrödel.“
„Wir könnten doch selber mal drei Haselnüsse hier nachspielen. So als Kultureinlage für uns selber. Dann isst und trinkt man vielleicht auch nicht so viel.“
„Also, ich hab nichts gegen das Essen. Und wo nun schon mal der ganze Glühwein da ist, kann der auch alle werden!“
Okay, Armin ist raus.
Tobi war heute Abend wie immer für die Musik zuständig und er nimmt seine Aufgabe sehr ernst. Auf einmal schallt nämlich Ella Endlich mit „Küss mich, lieb mich, halt mich“ durch den Raum.
„Also – ohne dett Jejaule wär ett mir ja lieba.“
Hektisches Tippen auf dem Handy.
„Jau, gibt’s auch.“ Und dann tönt das erste Mal dieses Jahr die Originalmelodie durch den Raum.
„Ham die da eijentlich och die beeden One-Hit-Wonder vom königlichen Ball?“
„Na klar.“
du dupp dupp dupp du du dupp dupp dudu – ja, so kennt man das!
„Jaaah, aber wenn wir das nachspielen wollen, brauchen wir ne Band.“
„Ich kann Waldhorn blasen“, sagt Ben da unvorsichtig und ganz leise. Offensichtlich nicht leise genug.
„Dann bist du die Band“, kommt es von seiner Lebensgefährtin sofort wie aus der Pistole geschossen. „Und wir setzen dich den ganzen Abend aufn Balkon.“
Oh, das nenn ich mal einen gewaltigen Verbaltritt gegen ihren Liebsten – sowas von von-hinten-in-die-Knie! Damit hat sie seiner Bewerbung um die Rolle des Prinzen einen Bärendienst erwiesen.
Einfaches physikalisches Prinzip. Wer oben aufm Balkon tutet und bläst, kann unmöglich gleichzeitig unten mit‘m Aschenbrödel tanzen.
Das wird ihm nicht gefallen! Das weiß ich jetzt schon!
„Ne Eule! Wir brauchen unbedingt noch ne Eule. Ohne Rosalie geht garnich!“
„Ilona, du sammelst doch Eulen. Kannst du nicht auch noch die Eule machen?“
„Nur weil ick Eulen sammel, heißt dett nich, dass ich ooch fliejen kann.“
„Da lassen wa uns watt einfallen.“
Ilona rollt mit den Augen.
Währenddessen starrt Ben angestrengt vor sich hin und versucht gedanklich offenbar aus der Balkonnummer raus- und in die Prinzenrolle reinzukommen.
„Also, ich würd ja den Präzeptor machen", mischt sich Göga in die Planung ein. „Schon mal von der Figur her kommt das ziemlich genau hin und mit Leuten, die sich für alles außer den Lehrplan interessieren und ständig die Ohren auf Durchzug haben, kenn ich mich aus.“
Er ist in seiner Firma auch für die Lehrlingsausbildung zuständig und kann deshalb die Sorgen des armen Präzeptors hautnah nachvollziehen.
Früher Armbrust – heute TikTok. Letzten Endes kommt es aufs Gleiche raus.
„Ich habe gerade eine geniale Idee!“, sagt da der Ben.
Oh, sogar eine geniale! Da bin ich aber mal gespannt.
„Bei der Eröffnung vom Weihnachtsmarkt lassen sie doch jedes Jahr wieder diese Schalmeienkapelle spielen.“
„Ja, und?“
„Das ist doch immer das Gleiche! Leute, wir müssen groß denken! Wir machen dass alles ganz anders!“, jetzt kommt Ben so richtig in Fahrt.
„Wir engagieren die Kapelle als „Vorband“ und die eigentliche Eröffnung vom Weihnachtsmarkt ist dann unsere Aufführung von „Drei Haselnüsse“. Und wenn die Kapelle schon mal da ist, kann sie gleich noch in der Ballszene mit auftreten. So wird ein Schuh draus!“
Super, Ben! Klasse Metapher (wegen dem Schuh)!
„Ihr habt doch echt alle ne Macke!“, tönt es aus dem Wintermantel.
Mir dagegen scheint nun der Moment gekommen, in dem ich auch meine Ansprüche mal anmelden sollte.
„Ich würd mich ja als Aschenbrödel zur Verfügung stellen.“, sag ich nun so beiläufig wie möglich in die Runde.
Natürlich kann ich meinen Rollenwunsch entsprechend begründen.
Aber erst mal gibt es einiges zu klären: „Also: Mit Schießen ist schlecht, aber im Film hat das Aschenbrödel den Raubvogel ja auch nicht wirklich erschossen. Und in der Szene, wo Aschenbrödel oben auf den Baum klettert, um sich vor dem Prinzen zu verstecken, da brauch ich ne Hebebühne!“
„Hm!“, kommt es da zaghaft von der anderen Seite des Tisches. "Aber, wenn du doch nicht schießen kannst und auch nicht klettern, warum willst du dann unbedingt das Aschenbrödel sein?"
„WEIL ICH SCHUHGRÖSSE 37 HABE, DARUM!!!"
„Jetzt stellt euch doch mal vor, wie das aussehen würde, wenn Aschenbrödel dann die Treppe runterläuft, ihren Schuh verliert, der Prinz das Ding aufhebt und dann unter dem Gewicht eines Latschens in Größe 42 zusammenbricht!“
„Hm.“
So richtig überzeugt scheint die Truppe noch nicht. Da muss ich wohl noch weiter dran arbeiten.
Inzwischen hat Ben seine Auftrittspläne weiter perfektioniert.
„Also, wir machen das noch ganz anders! Wir gehen von hier aus schon in unseren Kostümen los, die Schalmeienkapelle vorneweg und dann machen wir einen Umzug bis hoch zum Markt."
„Wie - du willst in deinen Strumpfhosen ernsthaft durch die ganze Stadt laufen?!“
„Und entlang der Hauptstraße stehen dann die Leute auf Balkonen und an Fenstern und werfen uns Geld zu, oder wie?“
„Und wenn wir am Markt ankommen, sind wir alle schon das erste Mal saniert!“
„Und warum sollten die Leute datt tun?“
„Da..ha..ha..mit eh..eh..eh..her schnell…ler läu…äu...äuft."
Leute, ich kann nicht mehr! Ich fall vor Lachen gleich vom Stuhl!
„Watt?! Wisst ihr, wie weit datt bis zum Markt iss? Dett loof ick nich! Dafür brauchen wa ne Kutsche!“
„Ilona, könntest du vielleicht auch noch das Pferd…?“
Stille.
Ilona ist inzwischen ins Bett gegangen.
LG Joean
