RCCL "Jewel of the Seas" von Puerto Rico zu den kleinen Antillen 10.-17.2.2024 - unsere grosse Jubi-KF!

  • Hallo Athena,

    wir sind bisher nur 2x RCCL gefahren und das im Mittelmeer.

    Soweit ich mich erinnere, gibt es für das Getränkepaket immer mal unterschiedliche Preise - man kann es gleich dazubuchen, mal gibt es ein Angebot zur Buchung (günstiger), oder im Laufe der Zeit bis zur Abfahrt ein" Special".

    Fahrt ihr den auch in der "amerikanischen Karibik"? Da gelten, glaube ich, nochmal andere Preise... :/

  • Pooldeck 24 - Die Kreuzfahrspezialisten
  • Liebe Foristi!

    Ihr werdet Euch wundern, warum ich nun – nach fast 2 Jahren Pause – die Arbeit an diesem RB wieder aufnehme, den ich leider nie fertiggestellt habe. Der Grund ist einfach:

    Ich war mit diesem RB nie wirklich zufrieden. Das lag u.a. daran, dass diese KF mein neues Coming-out gewesen war, von dem ich aber noch nicht offen im Forum berichten mochte. Ich habe deshalb ein paar Andeutungen eingestreut, die auch einige von Euch korrekt gedeutet haben (wir haben uns seinerzeit per PM ausgetauscht).

    Inzwischen bin ich ja nun auch hier im Forum als transgender herausgekommen, und so wuchs in den letzten Wochen in mir der Wunsch, nicht nur diesen RB endlich fertigzustellen, sondern auch für die bereits geschilderten Reisetage ein paar Erlebnisse nachzureichen, von denen ich bei der Erstveröffentlichung noch nicht offen sprechen mochte.

    Disclaimer: diejenigen von Euch, die immer noch mit meinem Coming-out als Frau Probleme haben (ein paar gibt es ja offensichtlich hier im Forum), müssen ab hier wirklich nicht weiterlesen. Ich dränge mich nicht auf. Die folgenden Berichte sind nicht für Euch, sondern für jene, die meine Transition ohne Probleme mitgehen können.

    Alle Klarheiten beseitigt? Dann geht es jetzt (endlich) weiter:

    Vorweg: ich war schon im Februar 2024 der Ansicht, dass es kaum einen besseren Ort gibt, (nochmal) als Transfrau herauszukommen, als eine KF. Ich hatte mich im Vorfeld im Internet auch ausführlich dazu informiert, und u.a. herausgefunden, dass RCCL bereits 2017 ein bis heute nicht nur fortschrittliches, sondern auch von keiner anderen Reederei erreichtes Inklusionsprogramm für Transpersonen installiert hat.

    Dies betrifft nicht nur Transpersonen unter den Gästen, sondern auch unter den Besatzungen. Oder wie anders sollte man es nennen, dass RCCL seither nicht nur die vollen Kosten für die Hormonbehandlungen von Mitarbeiter*innen, die trans sind, übernimmt, sondern auch eine Vertragsklinik auf den Philippinen hat, wo Besatzungsmitglieder – auf Kosten von RCCL! - die geschlechtsangleichenden Operationen machen lassen können? Sogar die Anreisekosten dorthin übernimmt RCCL. Und diese Klinik ist nicht «irgendein» Spital, sondern eine der weltweit ersten Adressen für Gender-Chirurgie. Dorthin reisen sogar viele Transpersonen aus Europa und den USA für viel Geld, weil die dortigen Operationstechniken wegweisend sind.

    Ihr werdet sicherlich nachvollziehen können, dass diese Informationen für mich ein wesentlicher Faktor waren, nun ausgerechnet auf dieser speziellen Reise nach fast 30 Jahren wieder als Transfrau herauszukommen.

    Zur Anreise bis San Juan ist von mir nichts hinzuzufügen. Der für mich besondere Teil der Reise begann am Abend der Einschiffung am 10.2.2024. Bis dahin hatte ich die komplette Anreise in meiner altvertrauten Maske als Mann absolviert. Aber nun war der besondere Moment gekommen, dem ich schon seit Monaten entgegengefiebert hatte.

    Leider liessen unsere Koffer sehr lange auf sich warten. Ich war nervös, schliesslich hatte ich geplant, an diesem Abend mit meiner Frau den ersten Barbesuch in meiner wahren Identität zu wagen. Als dann unser Gepäck endlich auf der Suite eintraf, konnte ich aber auch nicht anders, als erstmal alle meine Klamotten ordentlich im Wandschrank und den Schubladen einzusortieren.

    Für den ersten Abend hatte ich bewusst ein Outfit gewählt, welches nicht zuuu eindeutig war. Eine beige, knielange Shorts, dazu eine hellbraune Glanzstrumpfhose, weisse Damenslipper, einen blassrosa Feinstrickpulli, eine dezente Kette, zwei Ringe und ein kleines Armband. Als Make-up lediglich etwas die Bartstoppeln abdeckenden Puder (obwohl ich mich gerade erst frisch rasiert hatte) und ein dezenter Lippenstift, nicht mehr. Und seinerzeit hatte ich noch nicht meine Dauerwelle, und meine Haare waren noch nicht einmal schulterlang.

    Als ich mich schliesslich zurechtgemacht hatte (meine Frau war zufrieden mit Jeans und T-Shirt), gingen meine Frau und ich zur Kabinentür. Und dann begann spontan ein Ritual, welches uns danach mehr als ein Jahr auf verschiedenen Reisen begleiten sollte: wir nahmen uns fest an den Händen, ich öffnete die Kabinentür und meinte leise: «Showtime!»

    Der Kabinengang war komplett leer. Erst im Atrium begegneten wir den ersten anderen Passagieren, aber ich habe seinerzeit komplett auf Tunnelblick geschaltet, wahrscheinlich aus Angst vor möglichen Reaktionen auf mich. Mein Ziel waren die Aufzüge, wir wollten zur Borddisco, wo die Bar um diese Zeit schon geöffnet, der Tanzbetrieb aber noch nicht begonnen hatte. Im Aufzug waren wir zum Glück allein, so konnte ich schon einmal ein wenig entspannen.

    Wir fanden dann auch sofort einen kleinen 2er-Tisch. Leider waren zu dieser Zeit noch keine Kellner*innen unterwegs, so dass wir unsere ersten Cocktails an Bord direkt an der Bar bestellen mussten. Und da meinte meine Frau: «Das machst Du jetzt, Komm, trau Dich!»

    Habe ich dann auch gemacht. Am Bartresen begegnete ich dann unmittelbar einem älteren, schon «etwas» angetrunkenen Texaner (unschwer an seinem Akzent zu erkennen), der dort mit seiner Tochter (?) stand. Ich habe nicht wirklich verstanden, was der Mann zu mir gesagt hat, aber sinngemäss war es wohl Folgendes:

    «Hey Man! Are you pretending to be a woman?»

    Ich habe das ignoriert und bei der Barkeeperin, die mich bereits mitleidig anschaute, unsere Bestellung aufgegeben.

    «Hey, I am talking to you! Hello man!»

    Ich habe ihn einfach nur freundlich angelächelt. Seine Tochter (?) kam mir sofort zur Hilfe, legte ihm den Arm um die Schulter und zog ihn von mir weg.

    Als die Barkeeperin mit unseren Cocktails kam, meinte sie nur «Sorry!»

    Ehrlich gesagt: das war irgendwie weniger schlimm verlaufen, als ich befürchtet hatte. Also im Vergleich zu ein paar Dingen, die ich in den eineinhalb Jahren zuvor mit ein paar Leuten im Internet erlebt hatte, die ich mal für meine Freund*innen gehalten hatte. Jedenfalls ging ich mit unseren Drinks zurück zu meiner Frau. Wir haben die dann getrunken, und sie hat seinerzeit ein Foto von mir gemacht. Als ich dieses später auf der Kabine angeschaut habe, kam mir sofort ein Gedanke: «Nici, denk bitte daran, Dich nicht mehr zu breitbeinig hinzusetzen. Diese Gewohnheit musst Du dringend ablegen, trotz Deines Übergewichts. Ganz besonders, wenn Du an einem Glastisch sitzt!»

    (Irgendwie kann ich das Bild leider nicht im korrekten Hochformat einfügen. Sorry!)

    Okay, seitdem habe ich nochmal massiv abgenommen. Die Beine einfach übereinanderzuschlagen, ist mir dennoch immer noch nicht möglich. Das liegt aber auch u.a. daran, dass ich höchstwahrscheinlich in der Pubertät einen Mangel an Wachstumshormonen hatte (die Längenverhältnisse zwischen meinen kurzen Armen und Beinen einerseits und meinem langen Rumpf andererseits deuten darauf hin).

    Aber egal: wir sind dann nach Austrinken unserer Cocktails wieder auf die Kabine zurückgekehrt. Es war ein sehr aufregender Tag gewesen, und ich habe noch eine Weile gebraucht, um einzuschlafen. Aber dennoch: die Rückkehr in das echte Leben war geglückt.

    (Fortsetzung folgt - wenn von Euch gewünscht)

  • Der nächste Tag war ja ein Seetag, der Tag des «Superbowls». Wir gingen erstmal zum Suitenfrühstück ins «Chops Grille». Und als wir da fertig waren, musste ich dringend mal zur Toilette.

    Für mich war es im Vorfeld der KF keine Frage gewesen, dass ich als Frau auch die Damentoilette benutzen würde. Das hatte ich ja 30 Jahre zuvor, in dem Jahr, als ich während meines Studiums schon einmal als Frau öffentlich unterwegs war, auch immer ohne Probleme getan.

    Aber diesmal waren wir halt auf einem US-amerikanischen Schiff unterwegs. Und was mit Transfrauen in einigen US-Bundesstaaten erst kurz zuvor passiert war, wenn diese die Damentoiletten aufgesucht hatten, war uns beiden leider in «bester» Erinnerung geblieben. Von daher war ich nicht undankbar, dass meine Frau (und jetzt bemühe ich mal ein Klischée) nach «guter alter Mädels-Art» mit mir gemeinsam aufs Klo ging.

    Es war ausser uns niemand da. Erst, als wir die Toilette verliessen, kam uns eine junge Frau entgegen, die mich ein wenig skeptisch anschaute, aber nichts sagte. Das war es dann schon.

    Am frühen Nachmittag hatte ich dann einen Termin beim Bordfriseur. Sowas hatte ich noch nie zuvor auf einer KF gehabt. Meine Hoffnung war, dass ich mir dort eine Dauerwelle würde machen lassen können, aber das war leider nicht möglich. Immerhin konnte der Coiffeur mir mit Heizeisen ein paar Locken machen. Nur leider haben diese den Tag nicht wirklich überstanden, da wir nur wenige Stunden direkt danach unsere auf jeder unserer KFen übliche Paarmassage hatten (diesmal mit Aromaöl). Naja, Künstler*innenpech halt…

    Nach dem Abendessen im Hauptrestaurant wollte ich eigentlich mit meiner Frau zu einer der «Superbowl»-Übertragungen gehen. Leider hatte Schnarrrchsack plötzlich eine Migräneattacke. Und alleine traute ich mich noch nicht auf eine solche Massenveranstaltung. So haben wir das NFL-Finale schliesslich im Kabinen-TV angeschaut und sind noch vor der Halbzeitshow eingeschlafen.

    Okay, auf der einen Seite hatte ich immer davon geträumt, mal einen Superbowl in Amerika zu erleben. Und wer weiss, wann sich diese Gelegenheit jemals wieder ergeben wird.

    Aber auf der anderen Seite war es für meine Familie auch nicht gerade einfach, in dieser Situation mit mir unterwegs zu sein. Und so kann ich es auch heute gut akzeptieren, dass es diesmal leider nicht geklappt hat. Und nachdem die von uns favorisierten «49ers» sowieso nicht gewonnen haben, war es für mich am Folgetag auch nicht sooo schwer zu akzeptieren, dieses Event verpasst zu haben.

    (Fortsetzung folgt)

  • Ich freue mich auf die Fortsetzung!!

    Sehr interessant auch, was du über die Unterstützung der Reederei für transgender Mitarbeitende berichtest.

    Dieses Modell ist bis heute bei Reedereien einzigartig. Nicht einmal Herr Trump hat RCCL, die ja offiziell ihren Hauptsitz in Miami haben (auch wenn die Schiffe auf den Bahamas registriert sind - die aber auch eines der transfeindlichsten Länder Nordamerikas sind!), vom Gegenteil überzeugen können.

    Sowas nenne ich Rückgrat! :love:

  • Der nächste Stop war dann ja auf Barbados, in Bridgetown. Das war nun ein wenig komplizierter, vor allem, nachdem meine Frau bei einer Internetrecherche herausgefunden hatte, dass in den vorangegangenen Jahren mehrfach radikale Baptistenprediger ihre Anhängerschaft gegen Queerpersonen (und insbesondere Transpersonen) aufgehetzt hatten. Und dabei waren leider auch mehrere Transpersonen zu Tode gekommen.

    Anyway: meine Frau hatte mich gebeten, im Rahmen unseres Landgangs auf Barbados nochmal als Mann unterwegs zu sein. Ich habe ihrer Bitte entsprochen. Als wir, da unser Landgang schon sehr früh starten sollte, an der Gangway auf die Freigabe warteten, trafen wir dort auf ein Paar, die kein Problem damit hatten, laut und deutlich in unserer Hörweite zu äussern:

    «He looks much better as a man. I did not like him in his dress yesterday».

    Okay, sowas muss man wohl ignorieren. Wir haben es jedenfalls getan und unseren Tag auf Barbados sehr genossen.

    Aber dann gab es auch noch ein ganz anderes Erlebnis. Am Abend hatten wir den ersten von drei Teilen unseres Spezialitäten-Restaurant-Pakets (sowas gibt es ja auch bei TC), diesmal im Steakrestaurant «Chops Grille». Wir haben ganz normal unser Essen bestellt, aber bereits bemerkt, dass die Kellner ein wenig getuschelt haben.

    Ich hatte an diesem Abend ein knielanges schwarz-graues Strickkleid an, dazu eine Perlenkette meiner verstorbenen Mutter, schwarze Nylonstrumpfhosen und erstmals nach sehr langer Zeit hohe Pumps.

    (Das war auch seither das letzte Mal, dass ich Absätze über 3cm getragen habe. Sorry, aber im Gegensatz zu vielen anderen Transfrauen komme ich damit einfach nicht klar. Auch vor allem, weil ich mir zwischen 2013 und 2019 dreimal das linke Sprunggelenk verletzt habe (wer meine RBe gelesen hat, weiss warum. Aber inzwischen lebe ich sehr gut mit der 3cm-Grenze. Mehr muss ich nicht mehr haben.)

    Die Vorspeisen kamen dann auch völlig unauffällig. Aber als der Hauptgang serviert wurde, ging plötzlich der Kellner, der mir meinen gebratenen Lachs serviert hatte, vor mir auf die Knie und meinte: «I love you!»

    Ich war, gelinde gesagt, irritiert. War das nun einfach nur Masche? Für ein gutes Trinkgeld? War das ernst gemeint? In Anwesenheit meiner gesamten Familie? Ich wusste es nicht. Aber es hat sich, unabhängig davon, saugut angefühlt! Und nach einem kurzen Blickwechsel mit meiner Frau war mir klar, dass sie mir das auch nicht übel nehmen würde.

    Naja, ich habe am Ende der gesamten Kellnerschaft ein grosszügiges Trinkgeld aufgeschrieben, und meinen «neuen Lover» zum Abschied umarmt, ihm einen Fünfer zugesteckt und ins Ohr geflüsstert: «Thank you, but I dont like men. I appreciate your enthusiasm anyway.» Und dann habe ich einen grossen Schmatz von ihm auf meine Wange bekommen.

    Okay, sowas muss man nicht mögen, aber auch das habe ich als wertvolle Erfahrung auf meiner Reise akzeptiert. Wir waren nun halt Teil der Regenbogen-Community, da kommt sowas halt mal vor.

    (Fortsetzung folgt)

  • Ganz kurz mal zwischendurch: heissa, jetzt macht mir der RB wieder so richtig Spass!

    Schon komisch, wie wenig es eigentlich braucht.

  • Okay, der nächste Tag ist kurz erzählt. Wir waren zum Karneval auf Trinidad. Unser Guide hatte so gar kein Problem damit, dass ich ein weites Sommerkleid mit orange-braunem Muster getragen habe, dazu eine Tribal-Perlenkette mit mehreren Lagen. Die Leute in der Karnevals-Parade auch nicht. Wir haben toll zusammen getanzt.

    Und bei der «White Night» am Abend sind meine Frau und ich fast im Partnerlook gegangen.

    (Und schon wieder funzen die Formate nicht. Keine Ahnung warum. :()


    (Fortsetzung folgt)

  • Nochmal eine kleine Auszeit aus dem RB. Ich habe weiter oben schon erwähnt, dass ich eine KF als idealen Ort für ein Coming-out empfinde. Dies muss ich leider etwas relativieren.

    Es ist der ideale Zeitpunkt und Rahmen, wenn man seine persönlichen Unterstützer*innen dabei hat. Wir nennen diese auch üblicherweise "Allies" (manchmal auch "Allys"). Also unsere Verbündeten, die uns im Notfall vor jenen schützen, die unserer Lebensweise und Identität nicht folgen können oder wollen.

    Der Fall der Lana Kaiser (den meisten von Euch höchstwahrscheinlich besser bekannt unter ihrem Deadname "Daniel Küblböck") hat aber sehr traurig aufgezeigt, wie es schiefgehen kann, wenn eine Transperson ohne ausreichende persönliche und unmittelbare Unterstützung auf einer KF herauskommt.

    Ohne die bedingungslose Unterstützung meiner Frau und meiner Kinder stünde ich heute nicht dort, wo ich bin. Und auch die in diesem Thread beschriebene Reise hätte schnell anders verlaufen können.

    In diesem Sinne möchte ich, bevor ich demnächst mit den Aktualiserungen und Ergänzungen meines RBs fortfahre, einen Moment innehalten und Lana gedenken. ;(

    Danke für Euer Verständnis!

  • Okay, wo waren wir? Ach ja, Tobago. War eigentlich auch nichts Besonderes mehr. Also hinsichtlich meines Coming-outs. Es wurde allmählich zur Routine:

    Die Menschen dort hatten so gar kein Problem mit mir im Rock. Okay, wenn ich mir so die Statistiken in den üblichen Queer-Lexika imn Internet anschaue, ist Tobago für Transpersonen sogar einer der sichersten Orte Südamerikas.

    (Und hurra: ich habe endlich herausgefunden, wie das mit dem Einfügen von Fotos im korrekten Format funzt. Ist aber m.E. ein wenig umständlich.)

    Die nächste grosse Challenge für mich wartete dann auch an Bord. Meine Frau und ich hatten uns für den späten Nachmittag einen Besuch des Erwachsenenpools vorgenommen. Und ich muss zugegeben, dass ich da noch reichlich Schiss hatte.

    Es ist nun einmal eines, in Frauenkleidung an Bord herumzulaufen oder von Bord zu gehen. Aber an einem Pool im Badeanzug aufzutreten, ist etwas völlig anderes. Das hatte ich zuletzt in den 1990ern in Hannover und seinerzeit auch nur 2x gewagt. Und obwohl ich mich vorher bestens mit ein paar «Hilfsmitteln» aus einem Transgendershop im Internet ausgestattet hatte, war ich verdammt verunsichert. 8|

    Aber auch da half mit wieder das schon mit meiner Frau etablierte «Showtime!»-Ritual. Und eines muss ich mal ganz deutlich sagen: ich empfinde es als einen grossen Vorteil als Frau, einfach nur ein langes Kleid über den Badeanzug überzuziehen (im Gegensatz zum wirklich komplizierten männlichen Procedere, eine Hose (so kurz sie auch sein mag) über die Badeshorts zu ziehen, letztere ab- und später wieder anzulegen), und dieses am Pool einfach abzulegen.

    Und genau so ging es dann an diesem Tag. Wir gingen von unserer Kabine zum Erwachsenen-Pool, fanden spontan zwei freie Liegen, ich legte mein langes Batikkleid ab und ging gleich ins Wasser. Wie cool war das, nach gut 30 Jahren endlich wieder meine Bahnen als Frau zu schwimmen! Okay, es gab am Anfang ein paar irritierte Blicke, aber spätestens, als meine Frau und ich im Schatten auf unseren Liegen lagen, und ein Kellner uns unsere gewünschten Cocktails brachte, merkte ich, dass ich auch diese Herausforderung unserer Reise souverän gemanaged hatte.

    (Fortsetzung folgt)

  • Nächster Tag: St. Lucia

    Ihr habt ja wahrscheinlich schon weiter oben von unserer Seilbahnfahrt gelesen. Was ich weiter oben noch nicht schrieb: wir mussten am unteren Ende der Seilbahn ein wenig warten. Und in dieser Zeit musste ich plötzlich mal «für kleine Mädchen». Was nun?

    An Bord war es bislang für mich kein Problem gewesen, die Damentoilette zu benutzen, aber nun auf einer karibischen Insel?

    Auch wenn ich recherchiert hatte, dass man auch dort mit Transpersonen wie mir kein wirkliches Problem hatte?

    Ich habe mich daher zuerst, da wir sowieso noch warten mussten, auf eine Stufe vor den «Restrooms» gesetzt, irgendwo zwischen Herren- und Damentoilette. Währenddessen habe ich sehr genau beobachtet, wann Frauen die Damentoilette betraten und verliessen. Ich wollte einfach niemand verletzen oder in Verlegenheit bringen.

    Ich musste nicht lange darüber nachdenken, denn völlig überraschend kam plötzlich eine Mitarbeiterin der Seilbahn auf mich zu und meinte: «You need to pee?» Ich habe spontan genickt, was sollte ich auch sonst tun? Und ehe ich es mich versah, nahm mich die gute Frau bei der Hand, führte mich in die Damentoilette, suchte nach einer freien Kabine und meinte dann lächelnd: «There you can do.»

    Das war so dermassen grossartig, dass ich fast geheult hätte. ;(Sogar auf dieser kleinen Karibikinsel wurde meine Identität respektiert und mir der Raum zugewiesen, der meiner Identität entsprach.

    Naja, den Rest unseres Ausflugs könnt Ihr ja weiter oben nachlesen.

    Und am Nachmittag wollten meine Frau und ich Teil zwei unseres Besuchs im Erwachsenenpool durchführen, leider unterbrochen von gewissen Umständen (die ich heute medizinisch einer gewissen «Abnehmspritze» zuordnen kann). War aber bis dahin ziemlich cool. Und inzwischen bin ich sogar sehr sicher, dass sich meine «gastrointestinalen Beschwerden» nicht nur meinem Diabetes-Medikament, sondern vielmehr der dazu parallel begonnenen Hormonbehandlung zuweisen lassen können.

    Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema. Egal, an diesem Abend hiess das Motto an Bord: «Dress to impress!»

    Und genau dafür hatten meine Frau und ich uns im Vorfeld ganz besondere Outfits besorgt. Die Idee dahinter war ein kompletter Gender-Wechsel. Meine Frau hatte sich dafür einen blauen Hosenanzug bestellt, inklusive passender hellblauer High-Heels. Für mich hatte ich für nicht weniger als CHF 400 ein Spitzen-Abendkleid geordert, welches ich noch hier vor Ort in der Schweiz vor Reisebeginn für weitere fast CHF 100 auf meine Körpermasse hatte umarbeiten lassen. Hier ein Foto von uns auf der Kabine, bevor wir gemeinsam ins Hauptrestaurant gingen:

    Und obwohl wir bislang noch nie auf KFen den Bordfotografinnen gestattet haben, von uns Fotos zu machen – diesmal haben wir es erlaubt:




    Stay tuned, es kommt noch einiges...

  • Nachtrag: das Abendkleid von damals hängt seither bei mir im Schrank. Es gab leider bislang keinen Anlass, es wieder hervorzuholen. :(

  • Und noch einmal muss ich einen kleinen Einschub machen. Mir ist gerade klar geworden, wie sehr meine Frauwerdung eigentlich meine persönlichen Finanzen herausgefordert hat. Und zwar in puncto Kleidung.

    Eigentlich wurde mir dies schon vor ein paar Wochen klar, als mich ein guter Freund mal fragte, was ich eigentlich in diesem Jahr, vor allem seit meinem finalen Coming-out als Frau im Sommer dieses Jahres, für Klamotten ausgegeben habe.

    Okay, da ich zuvor immer nur in Sommer-Regionen und in meinen Ferien als Frau unterwegs gewesen war, hatte ich nicht wirklich sooo darauf geachtet. Bewusst wurde es mir eigentlich erst, als ich im September begann, mir erstmals auch eine Herbst- und Wintergarderobe zuzulegen (was ja bislang nicht wirklich notwendig gewesen war). Inklusive Schuhen. Aber letztlich hatte ich ja für die Sommerreisen in den letzten zwei Jahren auch eine Menge Geld investiert. Inklusive Schuhen.

    Und dann natürlich auch die ganzen Einkäufe im Laufe des vergangenen Frühjahres und Sommers, die sich ja nach meinem Coming-out im Juni dieses Jahres nicht mehr vermeiden liessen. Inklusive Schuhen. Und im Jahr zuvor. Inklusive Schuhen.

    Schon gar nicht zu sprechen vom Effekt, den mein massiver Gewichtsverlust in den letzten zweieinhalb Jahren hatte. Okay, auf Schuhe in diesem Fall nicht so sehr.

    Egal: in meinem früheren Leben als Mann hatte ich es mir einfach gemacht. Ich besass immer nur etwa 4-6 Paar Hosen gleichzeitig (meistens Jeans, gelegentlich mal auch etwas aus Stoff oder Cord), dazu ein im Laufe der Jahre gewachsenes Arsenal aus T- und Polo-Shirts, welches ich dann nach dem Prinzip «was gerade im Schrank oben liegt» dazu kombiniert habe. Und zwei mehr oder weniger dunkle Anzüge mit passenden Hemden und Krawatten, die aber meistens in meinem Kleiderschrank verstaubten. An Schuhen hatte ich nie mehr als ein Paar für den Alltag, welches dann im Bedarfsfall kurzfristig ersetzt wurde, und ein – zugegebenermassen selten getragenes – Paar für besondere Anlässe.

    Seit ich als Frau herausgekommen bin, ist diese Situation «ein wenig» eskaliert. In meiner jahrzehntelangen Rolle als Mann habe ich mich mehr als nur einmal darüber lustig gemacht, dass manche Frauen stundenlang vor ihrem Kleiderschrank stehen und dann befinden: «Ich habe nichts anzuziehen!» Heute weiss ich das besser…

    Auf der anderen Seite habe ich es noch nie so sehr genossen, Klamotten shoppen zu gehen, wie heute. :) Meine Frau war im vergangenen März superneidisch, als ich dies zum ersten Mal als Frau ausgerechnet nicht mit ihr gemacht habe, sondern mit meiner Schwester, als ich seinerzeit zu Besuch in HH war. Aber wir haben das im August dieses Jahres, zwei Monate nach meinem finalen Coming-out, in Lörrach nachgeholt.

    Anyway: wie ich bereits schrieb, fragte mich kürzlich mal ein Freund, was ich denn so infolge meines Coming-outs für Kleidung ausgegeben hätte. Als ich dann mal schnell über die Bücher ging, hat es mich schon echt aus den Nylons gehauen!

    Ich habe dann die Rechnung noch erweitert. Immerhin habe ich in den letzten zweieinhalb Jahren auch gut 30kg Gewicht verloren, und musste infolgedessen auch immer wieder, zum Teil liebgewonnene, Kleidungsstücke ersetzen. Immerhin wiederum keine Schuhe – die musterte ich immer nur aus, wenn ich bemerkte, dass sie mir a) irgendwie trotzdem nicht passten (Schuhgrösse 42 bei Damen ist nicht zwangsläufig kompatibel mit Herren-Schuhgrösse 42!) oder b) mir die Absätze – trotz bester Vorsätze – zu hoch waren.

    Am Ende kam ich vor Kurzem zu einer ein wenig niederschmetternden Bilanz. Seit ich Ende April 2022 jenes schicksalhafte Gespräch mit meiner Frau geführt habe, welches mittlerweile zu meinem finalen Coming-out als Frau geführt hat, habe ich nicht weniger als 7000 Franken (!) für Kleidung ausgegeben. Und für Schuhe.

    Ist irgendwie Wahnsinn, nicht wahr? Bei uns im Hausflur stehen im Regal mittlerweile gut 30 Paar Schuhe, von denen mehr als 20 meine sind. Mein Kleiderschrank quillt inzwischen über von Röcken, Pullovern, Kleidern (für Winter wie Sommer), Hosen (dito), Shirts, Blusen etc. Von der ganzen Unterwäsche, Nachtbekleidung und vor allem Strumpfhosen (ein gaaanz spezielles Thema!) mal gar nicht zu reden.

    Bin ich jetzt einfach nur verrückt? Oder einfach nur als Frau angekommen? Überkompensiere ich irgendetwas? Bin ich ein wandelndes Klischée (vor allem wegen der Schuhe)? Oder ist das schlichtweg nur das Resultat meiner Hormontherapie? Ich weiss es nicht…

    Was meint Ihr? :/

  • Deine Geschichte ist für mich einfach geil und vor allen Dingen "wertschöpfend", Nici.:thumbup::thumbup::thumbup::thumbup:

    Ach, Helmut, mein Lieber... hätte ich auch nur im Entferntesten geahnt, was ich damit bei Dir auslöse... :D:D:D


    (Aber ich darf dann wohl annehmen, dass Dir das "Schuh-Problem" nicht fremd ist? ;))

  • .......

    Bin ich jetzt einfach nur verrückt? Oder einfach nur als Frau angekommen? Überkompensiere ich irgendetwas? Bin ich ein wandelndes Klischée (vor allem wegen der Schuhe)? Oder ist das schlichtweg nur das Resultat meiner Hormontherapie? Ich weiss es nicht…

    Was meint Ihr? :/

    Also, so hart würde ich das jetzt nicht ausdrücken! Aber mich würde interessieren, ob Deine Frau ebenso viele Klamotten/Schuhe kauft, wie Du zur Zeit? Und, falls ja, wie groß sind Eure Kleiderschränke bzw. musstet Ihr anbauen?;)

    Ansonsten finde ich Deinen Schreibstil nach wie vor super Nici!

    *MeinSchiff*Glück auf!

    Lebe! Jetzt! Das Leben ist zu kurz für irgendwann!

    RB Norwegens Fjorde mit Aida Perla 05.05. - 15.05.2023
    RB MSC Euribia vom 16.05. bis 23.05.2026 Nordland ab Kiel

  • Also ich brauche pro Jahr nur 1-2 neue Cashmere Pullover , 1-2 neue Hosen und 2 neue Sommerkleider. Schuhe nur ganz bequeme ohne Absatz wegen Knie Problemen, macht ca 1000 Euro pro Jahr aus.8|

  • Aber ich darf dann wohl annehmen, dass Dir das "Schuh-Problem" nicht fremd ist?

    Probleme mit Schuhen habe ich bis dato nicht, auch nicht mein Mädchen.

    Ansonsten bin ich halt, GsD, immer noch überirdisch neugierig.

    Und solche Geschichten, wie Deine, bereichern meinen Wissensdurst natürlich.:thumbup::thumbup::thumbup:

    Servus und liebe Grüße aus dem Süden


    Helmut

    So a Urlaub auf See is fei scho schee !

    *MeinSchiff*

  • Aber mich würde interessieren, ob Deine Frau ebenso viele Klamotten/Schuhe kauft, wie Du zur Zeit?

    Die geht leider meinen aktuelle Style so gar nicht mit. Aber sie kann auch gut damit leben. Also damit, was ich weiter oben als meinen alten "Männer-Style" beschrieben habe.

    Fakt ist allerdings auch, dass sie mich vor etwa einem halben Jahr gebeten hat, sie in Stilfragen zu beraten. Und was wirklich super ist: wir haben inzwischen dieselbe Kleidergrösse. Da muss ich derzeit sehr aufpassen, dass sie mir nicht die besten Stücke aus dem Schrank klaut.

    Ist aber auch okay für mich.

    Zitat

    Und, falls ja, wie groß sind Eure Kleiderschränke bzw. musstet Ihr anbauen?;)

    Naja, meiner reicht im Prinzip noch aus. Meine Frau beschwert sich nur immer wieder, dass unseres Haushaltshilfe "ihre" Klamotten bei mir einsortieren würde...