Tag 19 – Letzter Seetag: Koffer, Kaviar und ganz großes Herzklopfen vor Palma
Nun war er also da: der letzte Seetag dieser Reise. Ein Satz, den ich eigentlich gar nicht schreiben möchte, weil er so endgültig klingt. Und doch gehört auch das dazu. Irgendwann kommt dieser Tag, an dem man morgens aufwacht und weiß: Jetzt ist es wirklich der Schlussakkord. Noch einmal Schiff. Noch einmal Meer. Noch einmal dieses ganz eigene Bordleben zwischen Pooldeck, Durchsagen, Abschiedsdrinks und dem leisen Versuch, den Tag möglichst festzuhalten.
Der Morgen zeigte sich zum ersten Mal auf dieser Reise nicht ganz so freundlich. Kein strahlendes Bilderbuchblau, kein sofortiger „Ach, ist das schön“-Moment, sondern eher ein etwas verhaltener Start. Fast so, als hätte selbst das Wetter kurz Mühe damit, dass diese Reise sich langsam dem Ende zuneigte. Aber zum Glück hatte der Himmel offenbar nur einen kleinen Durchhänger. Ab Mittag war dann doch wieder alles da: Blau, Sonne, Licht und dieses herrliche Gefühl, dass das Meer und wir uns noch einmal von unserer besten Seite verabschieden wollten.
Auch der Kapitän wirkte bei seiner Durchsage beinahe ein bisschen sprachlos – und das will etwas heißen. Er meinte tatsächlich sinngemäß, er wisse auch nicht, wie wir das gemacht hätten, aber wir hätten durchwegs so gutes Wetter gehabt, dass wir bitte sehr gerne wiederkommen dürften und es dann bitte genauso wieder machen sollten. Ich fand das großartig. Offenbar hatten wir nicht nur eine Reise gemacht, sondern auch meteorologisch ganze Arbeit geleistet. Ich nehme diese Verantwortung natürlich sehr ernst und bin bereit, künftig weitere Kreuzfahrten wettertechnisch zu begleiten.
Der Tag begann jedenfalls stilvoll mit einem Kaviarfrühstück im Atlantik Klassik. Auch nicht die schlechteste Art, in den letzten Seetag zu starten. Ein bisschen luxuriös, ein bisschen besonders, ein bisschen „Man gönnt sich ja sonst nichts“ – wobei das auf so einer Reise natürlich objektiv nicht stimmt. Man gönnt sich sehr wohl einiges. Und das ist auch gut so.
Den Vormittag nutzten wir dann pflichtbewusst für etwas, das man auf Kreuzfahrten lange erfolgreich verdrängt und das am Ende doch unweigerlich vor der Tür steht: Koffer packen. Oder zumindest den Großteil davon. Es ist ja immer ein etwas absurdes Gefühl. Da lebt man tagelang wunderbar unbeschwert in dieser schwimmenden Parallelwelt, und plötzlich steht man wieder zwischen Kleidung, Mitbringseln, Schuhen, Kabeln, Kosmetik und der Frage, warum sich all diese Dinge beim Hinweg noch so viel kooperativer verhalten haben.
Also wurde gefaltet, sortiert, gestapelt und ein bisschen verdrängt, dass Kofferpacken auf Reisen immer auch eine emotionale Nebenwirkung hat. Es ist der Moment, in dem der Abschied plötzlich sehr konkret wird. Solange alles noch lose in der Kabine verteilt herumliegt, tut man so, als würde es ewig weitergehen. Sobald die Koffer offen stehen, ist klar: Nein, es geht dem Ende zu. Unerhört eigentlich.
Als die Sonne dann wieder vom Himmel lachte, verlagerten wir unser Dasein noch einmal dorthin, wo es auf einem Schiff einfach am schönsten ist: aufs Pooldeck. Noch einmal gemütlich machen. Noch einmal schauen, sitzen, atmen, genießen. Noch einmal das Schiffsleben in all seinen schönen Facetten aufsaugen. Dieses ganz besondere Bordgefühl, das nur entsteht, wenn man eigentlich nichts Dringendes mehr tun muss und gleichzeitig weiß, dass man genau diese Stunden später vermissen wird.
Wir machten noch die letzten Fotos – von Decks, vom Meer, von Blicken, von Ecken, die einem lieb geworden waren, und vermutlich auch von Dingen, bei denen man später zuhause rätseln wird, warum man sie unbedingt festhalten musste. Aber genau das gehört ja dazu. Am Ende will man plötzlich alles bewahren: die Stimmung, das Licht, die Farben, die Wege, die kleinen Rituale, dieses Gefühl von „noch mittendrin“.
Natürlich suchten wir auch noch die Fotos der Bordfotografen aus. Auch so ein typischer letzter-Reisetag-Programmpunkt. Man schaut sich an, wie geschniegelt und gelegentlich auch erstaunlich fototauglich man auf dieser Reise offenbar ausgesehen hat, und überlegt dann, welche Erinnerungen in gedruckter Form mit nach Hause dürfen.
Und ganz offensichtlich hatten wir uns vorgenommen, auch bardiplomatisch einen ordentlichen Abschluss hinzulegen. Gefühlt tranken wir an jeder Bar noch einen letzten Drink. Ein Abschlussdrink hier, ein finaler Gruß dort, noch einmal anstoßen, noch einmal ein Glas in die Hand nehmen und innerlich sagen: Danke, war schön mit dir. Rein emotionaler Natur natürlich. Und vielleicht auch ein bisschen aus Prinzip.
Dann kam erneut eine Durchsage des Kapitäns. Leider wieder wegen eines medizinischen Notfalls. Also hieß es noch einmal: Gas geben. Wir würden bereits gegen Mitternacht in Palma einlaufen. Auch das war wieder einer dieser Momente, die die Urlaubsblase kurz sehr real werden lassen.
Am Abend zog es uns ein letztes Mal in den Fischmarkt. Natürlich. Wo auch sonst. Es wäre beinahe unhöflich gewesen, diese Reise nicht auch kulinarisch dort zu beschließen, wo wir uns so oft wohlgefühlt hatten. Dazu kam die herzliche Verabschiedung von „unserer“ Waitress, die uns über die Reise hinweg immer wieder begegnet war. Solche kleinen Verbindungen machen viel aus. Man kennt sich nicht tief, und doch ist da dieses freundliche Wiedererkennen, dieses Willkommen, dieses „Schön, dass ihr wieder da seid“. Auch das gehört zum Bordgefühl.
Und dann, gerade auf Höhe Ibiza, zeigte uns der Himmel noch einmal, was er kann.
Der Sonnenuntergang war sensationell. Wirklich einer von jener Sorte, bei der man kurz aufhört zu sprechen, weil alles andere gerade überflüssig erscheint. Das Licht, die Farben, die Spiegelung auf dem Wasser – es war so schön, dass es einem fast den Atem raubte. Als hätte das Meer beschlossen, uns zum Abschied noch einmal eine letzte große Vorstellung zu schenken. Ein Sonnenuntergang wie ein Schlussapplaus.
Später gingen wir hinauf aufs Pooldeck zur Verabschiedung der Crew und zur Seekartenverlosung. Und das wurde dann einer der emotionalsten Momente der ganzen Reise.
Während die Crew mit den verschiedensten Länderfahnen über das Pooldeck schritt, wurde „Große Freiheit“ von Unheilig live gesungen. Und ich kann es nicht anders sagen: Das ging direkt ins Herz. So viele unterschiedliche Nationen auf einem Fleck. Menschen aus den verschiedensten Ländern, Kulturen, Hintergründen – und alle zusammen in einem so friedlichen, freundschaftlichen, respektvollen Miteinander. Gerade in einer Welt, in der genau das leider oft so schwer scheint, war dieser Moment fast überwältigend schön.
Ich stand da, sah diese Fahnen, hörte die Musik und spürte, wie glücklich ich für all diese Erlebnisse war. Für diese Reise. Für diese Menschen. Für diese friedliche kleine Welt auf Zeit. Und ja – die Tränchen kullerten. Obwohl ich das unbedingt vermeiden wollte. Aber manche Momente lassen sich nicht wegrationalisieren. Sie treffen einen einfach. Und dann steht man da, versucht gefasst auszusehen, und merkt, dass das Herz längst beschlossen hat, heute ein bisschen weicher zu sein.
Danach zog es uns – ein letztes Mal – in die Galeriebar. Noch ein Abschlussgetränk, noch ein paar letzte Gespräche, noch Abschlussfotos mit „unserem“ Bartender. Auch so ein Mensch, der aus Barbesuchen irgendwann kleine Rituale gemacht hat. Diese Begegnungen sind es ja oft, die einem eine Reise noch vertrauter machen. Nicht nur Orte und Programmpunkte bleiben, sondern auch Gesichter.
Schließlich ging es zurück auf die Kabine. Und da wartete schon das nächste kleine Abschiedsschauspiel. Mittlerweile lagen wir bereits in Warteposition vor Palma. Dann kam der Lotse an Bord, und wir beobachteten auch dieses Manöver noch ein letztes Mal. Ich finde das ja immer faszinierend – diese Ruhe, diese Präzision, dieses Zusammenspiel. Und als wäre das alles nicht schon schön genug gewesen, hatten wir dabei auch noch einen wunderbaren Blick auf die beleuchtete Kathedrale von Palma.
Da lag sie also, hell angestrahlt in der Nacht, majestätisch und fast ein bisschen unwirklich schön. Ein letzter großer Blick. Ein letztes maritimes Schauspiel. Ein letztes Ankommen.
Und wir standen da, zwischen Koffer, Abschiedswehmnut, Dankbarkeit und dem Wissen, dass diese Reise etwas ganz Besonderes war.
Der letzte Seetag hatte noch einmal alles in sich - ein würdiger Schlusstag.
Und ein Herz, das gleichzeitig voll und ein kleines bisschen schwer war.
