Tag 10 – Atlantik, Seetag 2: Augen-Pipi-Alarm auf hoher See
Der nächste Morgen begann langsam vertraut. Kein Hafen, kein Ausflug, kein Land in Sicht – nur Atlantik, Schiff, Himmel und dieses ganz eigene Gefühl das man auf einer Kreuzfahrt halt so hat. Die Seetage begannen, ihren Rhythmus zu entwickeln. Und wie das mit guten Ritualen so ist: Man merkt erst, wie wohltuend sie sind, wenn sie plötzlich ganz selbstverständlich werden.
Also starteten wir auch heute wieder mit der Challenge gegen den Kapitän. Deck 14, Laufrunde, Seeluft, Bewegung und die leise Hoffnung, dass jeder Schritt irgendwie gegen all das gute Essen an Bord arbeitet. Während der Kapitän sein Schiff unbeirrt Richtung Palma fuhr, versuchten wir Passagiere weiterhin, seine Strecke laufend oder gehend einzuholen. Ein völlig aussichtsloses Unterfangen im direkten Vergleich, aber als Gemeinschaftsprojekt sehr charmant.
Überhaupt hatte diese Challenge etwas sehr Verbindendes. Da liefen Menschen nebeneinander, hintereinander, mal sportlich ambitioniert, mal im gemütlichen Spaziermodus, aber alle mit demselben Ziel: Kilometer sammeln. Gegen den Kapitän. Für das gute Gefühl. Und vielleicht auch für das nächste Eis.
Pünktlich kam dann wieder die Durchsage des Kapitäns. Diese täglichen Ansagen waren inzwischen ein fester Bestandteil unserer Seetage geworden. Ein bisschen nautische Bildung, ein bisschen Positionsbestimmung, ein bisschen Wetter, ein bisschen Seefahrtsgefühl. Heute aber war sie anders. Deutlich emotionaler.
Der Kapitän erzählte, dass die Mein Schiff 4 und die Mein Schiff 5, die seit dem 28. Februar in Doha und Abu Dhabi festgesessen waren und die Straße von Hormus nicht passieren konnten, ein kurzes Zeitfenster genutzt hatten, in dem die Seestraße geöffnet war. Beide Schiffe waren erfolgreich durchgekommen und hatten nun Fahrt Richtung Europa aufgenommen.
Ein Kreuzfahrtschiff ist ja nicht einfach nur Urlaubsort. Sondern Arbeitsplatz. Zuhause auf Zeit. Gemeinschaft. Familie. Denn natürlich haben viele Crewmitglieder Angehörige, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen auf anderen Schiffen. Menschen, mit denen sie verbunden sind, auch wenn gerade Tausende Kilometer Wasser, Häfen und politische Unsicherheit dazwischenliegen. Deshalb ließ der Kapitän diese Nachricht auch in die Crewbereiche übertragen und wiederholte sie zusätzlich auf Englisch.
Und ich gebe zu: Das war ein Gänsehautmoment.
Man stand da an Deck, mitten auf dem Atlantik, die Sonne schien, das Meer glitzerte, eigentlich war alles friedlich – und dann traf einen diese Nachricht mitten ins Herz. Erleichterung, Freude, Dankbarkeit, Mitgefühl. Alles gleichzeitig. Ich war so gerührt, dass ich dezent meine Sonnenbrille aufsetzen musste. Reine Sonnenschutzmaßnahme natürlich. Ganz sicher nicht wegen akuten Augen-Pipi-Alarms.
Aber genau solche Momente zeigen, wie besonders Reisen auf See sein kann. Man ist Gast, ja. Man genießt, isst, tanzt, liegt am Pool und lässt sich treiben. Aber gleichzeitig bekommt man manchmal einen kleinen Blick hinter die Kulissen. Auf die Menschen, die diese Reisen möglich machen. Auf ihre Sorgen, ihre Verbindungen, ihre Erleichterung. Und plötzlich wird aus einer Durchsage viel mehr als nur eine Information.
Der restliche Tag verlief dann wieder in unserem inzwischen bewährten Seetagsmodus. Und ich liebe ja, wie schnell man auf See eigene Routinen entwickelt. Ausschlafen, gemütlich frühstücken, Vormittags Bewegung und Meer und Kapitänsdurchsage, ein kleiner Mittagssnack, irgendwann Paulchen Panther mit seiner frechen Zeitklauerei, nachmittags Kaffee und Eis am Balkon usw.
Kaffee und Eis am Balkon sind überhaupt eine Kombination, die man viel öfter würdigen sollte. Es gibt dabei nichts zu verbessern. Man sitzt draußen, schaut aufs endlose Blau, löffelt Eis, trinkt Kaffee und tut so, als wäre das eine völlig normale Art, einen Nachmittag zu verbringen.
Am Abend stand dann wieder Tanzen auf dem Programm. Heute: Tango. Tango auf hoher See hat schon etwas. Dieser Tanz trägt ja ohnehin eine gewisse Dramatik in sich. Haltung, Spannung, Schritte, kleine Pausen, viel Gefühl und im besten Fall ein Hauch Eleganz. Bei mir vermutlich auch ein Hauch Konzentration und die stille Bitte an meine Füße, sich mit meinem Gehirn abzusprechen. Aber genau das macht es schön. Man arbeitet sich hinein, spürt den Rhythmus, lacht über kleine Unsicherheiten und freut sich, dass man mitten auf dem Atlantik Tango tanzt. Auch das muss man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen.
Zum Abendessen gingen wir heute zur Abwechslung einmal in den Anckelmannsplatz. Man soll ja nicht sagen, wir wären festgefahren. Der Fischmarkt bekam also einen freien Abend, und wir wagten uns wieder ins Buffetleben. Nach so einem Seetag ist das durchaus angenehm: unkompliziert, flexibel, man nimmt sich, worauf man gerade Lust hat, und kann dabei sehr gut so tun, als sei die Auswahl völlig rational getroffen worden. Ist sie natürlich nie. Aber das muss ja niemand wissen.
Im Anschluss gönnten wir uns in der Ebbe & Flut Bar noch einen schottischen Whisky. Lagavulin. Meine persönliche Schwäche. Es gibt Getränke, die trinkt man. Und es gibt solche, bei denen die Geschmacksknospen kurz ehrfürchtig aufstehen und sich verneigen. Lagavulin gehört für mich eindeutig zur zweiten Kategorie. Rauchig, kräftig, ein bisschen wild – und nach diesem Tag genau richtig. Nach Tango für die Füße gab es also noch Tango für die Geschmacksknospen.
Und während wir dort saßen, mit Whisky im Glas, Atlantik um uns herum und diesem besonderen Seetagsfrieden im Herzen, dachte ich wieder einmal: Genau solche Tage machen eine Überfahrt aus. Nicht, weil ständig etwas Großes passiert. Sondern weil sich große und kleine Momente so wunderbar mischen. Und so fuhr die Mein Schiff 1 weiter Richtung Europa. Stück für Stück. Stunde für Stunde. Mit uns, unseren Eindrücken und einem Herzen, das heute ein kleines bisschen voller war als am Morgen.
