In einem anderen Thread hatte ich ja über meine Vergangenheit als «Rampensau» berichtet. Da ich in dem anderen Thread nun nicht mehr das OT zu sehr überreizen möchte, hier eine «kleine» Geschichte dazu (für alle von Euch, die das interessiert):
(Nota bene: es geht mir in diesem Zusammenhang nicht um «Selbstbeweihräucherung», lediglich um eine sachlich korrekte Einordnung.)
Bis 1986 war ich einfach nur der «kleine dicke Junge», der zwar ganz lustig war, den aber irgendwie nie jemand wirklich ernst genommen hat. Das änderte sich im Oktober 1986, als ich – völlig unerwartet – plötzlich Assistenz-DJ auf einer Schulparty wurde. Vor allem, weil ich der einzige war, der eine (selbstgebaute) Lichtorgel, aber auch ein paar Cassetten und jede Menge Singles mit aktueller Musik dabei hatte. Der Haupt-DJ hat sich seinerzeit schnell zurückgezogen und mir die Bühne überlassen. Und das war damals mein Durchbruch, zuerst in der Schule, später auch im Studium.
In den 1990ern war ich dann dreimal in Folge «DJ des Jahres» in Hannover, durfte schliesslich 1995 auch meine Stadt bei der deutschen Meisterschaft des «International Club of DJs» (ICDJ) in Berlin vertreten. Ich kam dann auch ins Finale der letzten drei, wo ich aber den letzten Platz belegte.
Aber die Finalist*innen wurden dann noch nach Ende des Wettbewerbs kurz nach 3 Uhr morgens ins legendäre «Berghain» gebracht, den Techno-Tempel der Hauptstadt zur damaligen Zeit. Wir sollten als «Belohnung für unseren Erfolg» jede*r ab 4 Uhr für jeweils 30 Minuten auflegen und einheizen (die Parties im «Berghain» gingen damals bis in den frühen Vormittag). In der Reihenfolge der Platzierung. Da begann das Problem.
Ich war also als Drittplatzierter erst um 5 Uhr morgens dran, nachdem der Wettbewerb in der anderen Disco, deren Namen ich heute ums Verrecken nicht mehr erinnern kann, schon Stunden zuvor begonnen hatte. Entgegen meiner jahrelang eisern durchgehaltenen Regel, bei einem Auftritt weder Alkohol noch Drogen zu konsumieren, habe ich in der Wartezeit nicht nur zwei Gin-Tonic getrunken, sondern auch mal am Joint des Haus-DJs, der mir grosszügig angeboten wurde, gezogen.
Als dann meine halbe Stunde anstand (nochmal: Techno ist so absolut nicht mein Ding!), habe ich eigentlich ganz gut abgeliefert. Nur leider meinte der Haus-DJ um halb 6, er habe noch keinen Bock, wieder zu übernehmen, ich solle einfach noch ein wenig weiter machen. Dafür bekam ich nochmal einen Zug von seinem Kraut.
Naja, als der Typ sich um circa 5:45 Uhr immer noch nicht bemüssigt sah, wieder das DJ-Pult zu übernehmen, hatte ich die Schnauze dermassen voll, dass ich in meinen Plattentaschen eine Single rausgekramt habe, die mir meine Mutter zu meinem 7. Geburtstag geschenkt hatte (und ich weiss ganz ehrlich bis heute nicht, warum ich die seinerzeit in der Tasche dabei hatte). Die habe ich dann auch aufgelegt. Und die Tanzfläche war in weniger als 30 Sekunden komplett leer!
Aufgelegt hatte ich übrigens «Das Lied der Schlümpfe». Kam wohl nicht so gut an. Jedenfalls wurde ich innert weniger Minuten aus dem Club entfernt (über die Hintertür) mit der Aufforderung, mich dort nie wieder blicken zu lassen. Meines Wissens nach bin ich bis heute der einzige DJ bzw. die einzige DJane, die im «Berghain» Hausverbot bekommen hat…
Die Geschichte hat es seinerzeit sogar in die regionalen Medien geschafft. Ich habe zwar vor ein paar Jahren mal im Internet Hinweise darauf gefunden, die ich aber nicht gespeichert habe, und hier im Forum sowieso nicht verlinken könnte. Aber ab der «Love Parade» 1997 fuhr am Ende des Zugs der Trucks (nachweislich!) plötzlich ein Fiat 500 mit völlig überdimensioniertem Lautsprecher auf dem Dach mit, aus dem das Schlumpflied erklang, um klarzumachen, dass die Parade vorbei war, und sich die Teilnehmer*innen gefälligst in die Clubs verziehen sollten.
Footprints…
Meine DJ(ane)-Karriere habe ich schliesslich 2016, 30 Jahre nach ihrem Beginn, auf meinem 25jährigen Abitreffen beendet. Wir hatten die grosse Ehre, die allerletzte Party in unserer Stammdisco in Elmshorn feiern zu dürfen, bevor der Laden endgültig abgewickelt wurde.
Auch an meiner Uni-Stadt Hannover habe ich ein paar Partylocations als DJ(ane) zu Grabe getragen. Mir besonders im Gedächtnis geblieben ist da vor allem die «Burning down the House»-Party im «Extruder» im Jahr 2000. Hmmm, solle es mir zu denken geben, Totengräberin mehrerer Locations gewesen zu sein?
Auf der Theaterbühne habe ich mich ebenfalls in Schul- und Studienzeit versucht: klassisches Theater, english theatre, Mundarttheater, Musical – ich habe alles durchgemacht, als Darsteller*in und in der Regie. Irgendwann auch mal im (medizyn)politischen Kabarett. Aber das alles endete mit meinem Studienende; lediglich das letztgenannte Kabarett habe ich 2023 nochmal in kleinem Skeptiker*innen-Kreis aufleben lassen – mit meinem ersten abendfüllenden Programm: «Ein Landarzt tönt blöd». Hat mir dann sogar das für mich neue Erlebnis einer Mini-Tour durch 4 Städte in Deutschland eingebracht, mit immerhin im Schnitt gut 200-300 Zuschauer*innen pro Auftritt
War nochmal toll, aber ich habe dabei sehr deutlich gemerkt, dass meine Bühnenzeit nun endgültig vorbei ist.
Soviel also zur «Rampensau». Ich könnte noch ein wenig zu meiner Zeit als Bassist*in in zwei Bands schreiben, aber das gehört irgendwie nicht hierher. Immerhin durfte ich im Mai 1993 bei einem Bandwettbewerb in meiner Heimatstadt Elmshorn, bei dem ich allerdings nicht auf der Bühne stand, sondern nur eine teilnehmende befreundete Punkband als «offizieller Manager» vertrat, eine aufstrebende Combo namens «König Boris und sein Gefolge» hinter der Bühne kennenlernen. Ein Jahr später änderten sie ihren Namen in «Fettes Brot». Klar, dass ich mit ganzer Familie 2023 bei ihrer Abschiedstour nochmal am Start war.
Warum ich das hier schreibe? Weil ich glücklich und dankbar bin, im Laufe meines Lebens so viele tolle und interessante Personen getroffen und kennengelernt zu haben. Zum Beispiel beim oben erwähnten DJ-Wettbewerb 1995 in Berlin die grossartige DJane «Marusha», die den Wettbewerb seinerzeit moderiert hat. Oder später auch Elton, John Cleese, Frank Elstner, Frederick Meissner, Britta von Lojewski (die letztgenannten drei, weil ich die Ehre hatte, in ihren TV-Sendungen als Kandidat aufzutreten), Nena, Percy Howen (bei einem Praktikum bei «Center TV» in Hannover, kurz nachdem er die erste Staffel von «Big Brother» moderiert hatte (und da habe ich ein paar wirklich interessante Hintergrundinformationen bekommen)), Thorsten Sträter (vor ein paar Jahren im ICE), Bernhard Hoecker (auf einer Veranstaltung in Wien 2016), Rodrigo Gonzales (Bassist meiner Lieblingsband «Die Ärzte» - in ihn bin ich wörtlich beim WM-Viertelfinale Deutschland-Argentinien 2006 im Berliner Olympiastadium in der Halbzeitpause der Verlängerung hineingerannt), Dr. Marc Benecke (den kennt Ihr vielleicht aus der «Vox»-Serie «Medical Detectives»), seine Ex Lydia Benecke (immer wieder bei «Aktenzeichen XY ungelöst» als Expertin für psychische Gewalttaten präsent) und noch viele mehr. Alles sehr besondere Begegnungen, die mir aber vor allem eines klargemacht haben: all diese sind einfach nur ganz normale Leute.
Und von den ganzen anderen «normalen Leuten», denen ich ausserdem begegnen durfte, und die nicht so prominent sind, mal ganz zu schweigen. Es war stets eine grosse Ehre, und ich denke an jede dieser Begegnungen mit grosser Dankbarkeit und Demut zurück.