Liebe Foristi!
Ihr werdet Euch wundern, warum ich nun – nach fast 2 Jahren Pause – die Arbeit an diesem RB wieder aufnehme, den ich leider nie fertiggestellt habe. Der Grund ist einfach:
Ich war mit diesem RB nie wirklich zufrieden. Das lag u.a. daran, dass diese KF mein neues Coming-out gewesen war, von dem ich aber noch nicht offen im Forum berichten mochte. Ich habe deshalb ein paar Andeutungen eingestreut, die auch einige von Euch korrekt gedeutet haben (wir haben uns seinerzeit per PM ausgetauscht).
Inzwischen bin ich ja nun auch hier im Forum als transgender herausgekommen, und so wuchs in den letzten Wochen in mir der Wunsch, nicht nur diesen RB endlich fertigzustellen, sondern auch für die bereits geschilderten Reisetage ein paar Erlebnisse nachzureichen, von denen ich bei der Erstveröffentlichung noch nicht offen sprechen mochte.
Disclaimer: diejenigen von Euch, die immer noch mit meinem Coming-out als Frau Probleme haben (ein paar gibt es ja offensichtlich hier im Forum), müssen ab hier wirklich nicht weiterlesen. Ich dränge mich nicht auf. Die folgenden Berichte sind nicht für Euch, sondern für jene, die meine Transition ohne Probleme mitgehen können.
Alle Klarheiten beseitigt? Dann geht es jetzt (endlich) weiter:
Vorweg: ich war schon im Februar 2024 der Ansicht, dass es kaum einen besseren Ort gibt, (nochmal) als Transfrau herauszukommen, als eine KF. Ich hatte mich im Vorfeld im Internet auch ausführlich dazu informiert, und u.a. herausgefunden, dass RCCL bereits 2017 ein bis heute nicht nur fortschrittliches, sondern auch von keiner anderen Reederei erreichtes Inklusionsprogramm für Transpersonen installiert hat.
Dies betrifft nicht nur Transpersonen unter den Gästen, sondern auch unter den Besatzungen. Oder wie anders sollte man es nennen, dass RCCL seither nicht nur die vollen Kosten für die Hormonbehandlungen von Mitarbeiter*innen, die trans sind, übernimmt, sondern auch eine Vertragsklinik auf den Philippinen hat, wo Besatzungsmitglieder – auf Kosten von RCCL! - die geschlechtsangleichenden Operationen machen lassen können? Sogar die Anreisekosten dorthin übernimmt RCCL. Und diese Klinik ist nicht «irgendein» Spital, sondern eine der weltweit ersten Adressen für Gender-Chirurgie. Dorthin reisen sogar viele Transpersonen aus Europa und den USA für viel Geld, weil die dortigen Operationstechniken wegweisend sind.
Ihr werdet sicherlich nachvollziehen können, dass diese Informationen für mich ein wesentlicher Faktor waren, nun ausgerechnet auf dieser speziellen Reise nach fast 30 Jahren wieder als Transfrau herauszukommen.
Zur Anreise bis San Juan ist von mir nichts hinzuzufügen. Der für mich besondere Teil der Reise begann am Abend der Einschiffung am 10.2.2024. Bis dahin hatte ich die komplette Anreise in meiner altvertrauten Maske als Mann absolviert. Aber nun war der besondere Moment gekommen, dem ich schon seit Monaten entgegengefiebert hatte.
Leider liessen unsere Koffer sehr lange auf sich warten. Ich war nervös, schliesslich hatte ich geplant, an diesem Abend mit meiner Frau den ersten Barbesuch in meiner wahren Identität zu wagen. Als dann unser Gepäck endlich auf der Suite eintraf, konnte ich aber auch nicht anders, als erstmal alle meine Klamotten ordentlich im Wandschrank und den Schubladen einzusortieren.
Für den ersten Abend hatte ich bewusst ein Outfit gewählt, welches nicht zuuu eindeutig war. Eine beige, knielange Shorts, dazu eine hellbraune Glanzstrumpfhose, weisse Damenslipper, einen blassrosa Feinstrickpulli, eine dezente Kette, zwei Ringe und ein kleines Armband. Als Make-up lediglich etwas die Bartstoppeln abdeckenden Puder (obwohl ich mich gerade erst frisch rasiert hatte) und ein dezenter Lippenstift, nicht mehr. Und seinerzeit hatte ich noch nicht meine Dauerwelle, und meine Haare waren noch nicht einmal schulterlang.
Als ich mich schliesslich zurechtgemacht hatte (meine Frau war zufrieden mit Jeans und T-Shirt), gingen meine Frau und ich zur Kabinentür. Und dann begann spontan ein Ritual, welches uns danach mehr als ein Jahr auf verschiedenen Reisen begleiten sollte: wir nahmen uns fest an den Händen, ich öffnete die Kabinentür und meinte leise: «Showtime!»
Der Kabinengang war komplett leer. Erst im Atrium begegneten wir den ersten anderen Passagieren, aber ich habe seinerzeit komplett auf Tunnelblick geschaltet, wahrscheinlich aus Angst vor möglichen Reaktionen auf mich. Mein Ziel waren die Aufzüge, wir wollten zur Borddisco, wo die Bar um diese Zeit schon geöffnet, der Tanzbetrieb aber noch nicht begonnen hatte. Im Aufzug waren wir zum Glück allein, so konnte ich schon einmal ein wenig entspannen.
Wir fanden dann auch sofort einen kleinen 2er-Tisch. Leider waren zu dieser Zeit noch keine Kellner*innen unterwegs, so dass wir unsere ersten Cocktails an Bord direkt an der Bar bestellen mussten. Und da meinte meine Frau: «Das machst Du jetzt, Komm, trau Dich!»
Habe ich dann auch gemacht. Am Bartresen begegnete ich dann unmittelbar einem älteren, schon «etwas» angetrunkenen Texaner (unschwer an seinem Akzent zu erkennen), der dort mit seiner Tochter (?) stand. Ich habe nicht wirklich verstanden, was der Mann zu mir gesagt hat, aber sinngemäss war es wohl Folgendes:
«Hey Man! Are you pretending to be a woman?»
Ich habe das ignoriert und bei der Barkeeperin, die mich bereits mitleidig anschaute, unsere Bestellung aufgegeben.
«Hey, I am talking to you! Hello man!»
Ich habe ihn einfach nur freundlich angelächelt. Seine Tochter (?) kam mir sofort zur Hilfe, legte ihm den Arm um die Schulter und zog ihn von mir weg.
Als die Barkeeperin mit unseren Cocktails kam, meinte sie nur «Sorry!»
Ehrlich gesagt: das war irgendwie weniger schlimm verlaufen, als ich befürchtet hatte. Also im Vergleich zu ein paar Dingen, die ich in den eineinhalb Jahren zuvor mit ein paar Leuten im Internet erlebt hatte, die ich mal für meine Freund*innen gehalten hatte. Jedenfalls ging ich mit unseren Drinks zurück zu meiner Frau. Wir haben die dann getrunken, und sie hat seinerzeit ein Foto von mir gemacht. Als ich dieses später auf der Kabine angeschaut habe, kam mir sofort ein Gedanke: «Nici, denk bitte daran, Dich nicht mehr zu breitbeinig hinzusetzen. Diese Gewohnheit musst Du dringend ablegen, trotz Deines Übergewichts. Ganz besonders, wenn Du an einem Glastisch sitzt!»

(Irgendwie kann ich das Bild leider nicht im korrekten Hochformat einfügen. Sorry!)
Okay, seitdem habe ich nochmal massiv abgenommen. Die Beine einfach übereinanderzuschlagen, ist mir dennoch immer noch nicht möglich. Das liegt aber auch u.a. daran, dass ich höchstwahrscheinlich in der Pubertät einen Mangel an Wachstumshormonen hatte (die Längenverhältnisse zwischen meinen kurzen Armen und Beinen einerseits und meinem langen Rumpf andererseits deuten darauf hin).
Aber egal: wir sind dann nach Austrinken unserer Cocktails wieder auf die Kabine zurückgekehrt. Es war ein sehr aufregender Tag gewesen, und ich habe noch eine Weile gebraucht, um einzuschlafen. Aber dennoch: die Rückkehr in das echte Leben war geglückt.
(Fortsetzung folgt - wenn von Euch gewünscht)