Nici Faulpelz
Ich interessiere mich schon mein ganzes Leben für Menschen und Ihre Denk und Handlungsweisen. Mich würde mal interessieren, ob Du durch die Hormone auch anders denkst.
Es ist ja bekannt, dass Männer anders ticken. Nun würde mich interessieren ob du vom männlichen Denken ins weibliche Denken umzwitschen kannst.
Wenn zu privat oder persönlich, dann ignorierst Du die Frage einfach
Gar kein Problem. Deine Frage verdient allerdings auch eine persönliche Antwort. Diejenigen, denen das too much ist, sollen an dieser Stelle bitte weiterscrollen.
Es ist bekannt, dass die Hormonbehandlung eine zweite Pubertät auslöst, und zwar eine weibliche. Das kann bisweilen ein wenig extrem werden, ist aber auch sehr spannend, und ich geniesse es sehr. 
Vor Kurzem ist mir dann etwas passiert, was ich nie für möglich gehalten hätte: ich habe mich Hals über Kopf verliebt. In eine andere Transfrau. Die ich schon seit vielen Jahren kenne: wir haben zusammen Abi gemacht, sie ist - wie ich - irgendwann in die Schweiz ausgewandert und hier vor gut 3 Jahren herausgekommen. Leider hat ihre Ehe das nicht überstanden. 
Es war das volle Programm: Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen, Träume von der anderen, dann wieder stundenlanges Wachliegen, ohne die Gedanken auch nur annähernd von der anderen lösen zu können, dazu kompletter Appetitverlust. Ich habe mich gefühlt, wie ein verliebter Teenager. Das war schon ziemlich extrem - und völlig anders, als ich dies in meiner ersten Pubertät, unter männlichem Hormonsetting, erlebt habe. Die Unterschiede sind teils massiv, teils subtil, aber ich habe eine grosse Freude daran, sie zu erforschen.
Ich habe sehr schnell völlig offen mit meiner Frau darüber gesprochen. Sie hat sofort gespürt, wie unangenehm die ganze Situation für mich war, und hat mich als Allererstes getröstet. Dann hat sie mir verschiedene Internetseiten zum Thema "Fremdverliebt in der Ehe" herausgesucht, wo ich dann schnell erfahren habe, dass sowas völlig normal ist, und ich mich dafür auch nicht zu schämen brauchte. Sowas war mir in meinem Leben auch noch nie passiert.
Meine Frau und ich sind auch sehr schnell viel enger zusammengerückt, obgleich keine von uns bislang in unserer Ehe etwas vermisst hatte.
Wir haben viel diskutiert, dabei hat meine Frau am 2. Tag mir sogar vorgeschlagen, meiner Schulfreundin eine Nachricht zu schicken und ihr einen kleinen Tip zu geben (sie ist einfach grossartig). Habe ich aber abgelehnt. In der folgenden Nacht habe ich wieder von meiner Schulfreundin geträumt, aber im Gegensatz zu den beiden vorangegangenen Malen nicht in der Gegenwart, sondern in unserer gemeinsamen Schulzeit. Nur dass wir in meinem Traum keine Jungen waren, sondern Mädchen. Damit hatte mir mein Unterbewusstsein den entscheidenden Hinweis gegeben:
Ich war das verliebte Teenager-Mädchen. Deshalb hatte es auch nur mit einer Person aus dieser Zeit klappen können - ich erlebte noch einmal die erste Liebe mit all ihren Gefühlen und Gedanken - aber dieses mal nicht als Teen-Junge, sondern als Teen-Mädchen. Ein unglaubliches Geschenk! Ich durfte etwas erleben, was mir vor rund 40 Jahren versagt gewesen war. Und das war einfach wunderbar. 
Es wurde aber noch besser: als ich am nächsten Tag mit meiner Frau darüber sprach, meinte sie spontan: "Dann versuche es doch. Diese Gelegenheit wird wahrscheinlich nie wieder kommen, und Du würdest es Dir nie verzeihen, nicht wenigstens den Versuch gemacht zu haben. Unsere Ehe ist stabil genug, um das auszuhalten. Und wenn Du einen Korb bekommst, werde ich für Dich da sein und Dich trösten."
Ich war baff. Welche Frau hätte in einer solchen Situation so reagiert? (Habe ich eigentlich schon geschrieben, wie grossartig sie ist?
)
Ich habe vorgestern mit meiner Schulfreundin telefoniert und mir den erwartbaren Korb abgeholt. Es war allerdings der charmanteste und - trotz aller Direktheit - liebevollste, den ich je bekommen habe. Meine Schulfreundin war auch sehr geschmeichelt, dass ich mich in sie als Frau verliebt habe. Und wir haben uns versprochen, dass wir gute Freundinnnen bleiben und uns auch weiterhin treffen werden.
Ich habe dann am Abend stundenlang geheult
, und meine Frau hat sofort in den "beste Freundin"-Modus umgeschaltet und mich getröstet. 
Heute, zwei Tage später, bin ich immer noch im gedanklichen und emotionalen Ausnahmezustand. Der Schmerz sitzt immer noch tief, aber auch der Liebeskummer eines pubertierenden Mädchens hat auch jede Menge Faszinierendes. Auch dieser Aspekt ist völlig anders als in meiner ersten Pubertät. Ich bin nur heilfroh, dass wir diese Woche Praxisferien haben, da habe ich Zeit, mich damit zu beschäftigen. Und ich lerne im Moment eine Menge.
Ich hoffe, das war nun nicht zu persönlich und privat? 