Okay, weiter mit der nächsten Frage aus den PMs. Diese drehte sich um meine HRT (Hormonersatztherapie).
Ich habe im Februar 2024 - aus reiner Neugierde - begonnen, Estradiol (ein weibliches Sexualhormon) einzunehmen. In Tablettenform, 2mg pro Tag. Mir waren dabei durchaus die Risiken bekannt, die werden die Frauen hier im Forum sicherlich von der "Pille" kennen: an allererster Stelle eine deutlich erhöhte Gefahr von Thrombosen (Gerinnseln in Blutgefässen, vor allem den Beinvenen).
Diese kann man reduzieren, indem das Präparat nicht in oraler Form, sondern als Hautpflaster oder Gel aufgetragen wird - was auch die allermeisten Transfrauen so machen. Das liegt daran, dass der Wirkstoff in den Tabletten nach der Aufnahme im Darm erstmal durch die Leber muss. Und genau dort entsteht das Risiko. Bei der Aufnahme durch die Haut wird dieses Risiko deutlich reduziert.
Pflaster und Gel liegen mir aber nicht. Deshalb habe ich vor Beginn der Tabletteneinnahme einfach mal in meiner Praxis einen Blutcheck machen lassen. Die Leberwerte waren super, also habe ich mich für die Tabletten entschieden. (Und ich nehme sie, unter fortgesetztem laborchemischem Leber-Monitoring, bis heute.)
Die Wirkung war enorm. Ich habe in der Vergangenheit mehrere Jahre lang verschiedene Antidepressiva wegen Schlafstörungen und Stimmungsschwankungen genommen. Diese waren aber ein Witz gegenüber der Wirkung des Estradiols.
Ich habe dann das Estradiol nach 4 Wochen wieder abgesetzt - einfach nur, um zu wissen, wie es mir ohne geht. Ergebnis: totaler innerer Absturz. Und deshalb nehme ich es seit Ostern 2024 wieder regelmässig.
Zur HRT gehört aber auch eine zweite Komponente - die Testosteronblockade. Und vor dieser hatte ich grossen Respekt. Der wichtigste Wirkstoff - Cyproteronacetat (Handelsname "Androcur" (R)) - ist berüchtigt. Er wird u.a. bei der psychiatrischen Behandlung von Sexualstraftätern eingesetzt. Dort meistens als alle 4 Wochen verabreichte Depotspritze, die den Sexualtrieb lahmlegen soll. Und ich weiss von vielen Transfrauen, die unter dieser Behandlung komplett die Libido verloren haben.
Vielleicht ist Euch dieses Medikament auch schon einmal unter dem Stichwort "chemische Kastration" untergekommen.
Es hat auch noch eine Reihe weiterer Nebenwirkungen: Hirnblutung, Schlaganfall, Herzinfarkt, Leberkrebs uvm. Deswegen wurde es auch vor ein paar Jahren in den USA vom Markt genommen. Es wird Euch sichlicherlich nicht wundern, dass ich mich an dieser Stelle nach Alternativen umgeschaut habe.
In den USA wird bei der Behandlung von Transfrauen seit ein paar Jahren gemäss Leitlinien der Wirkstoff Spironolacton verwendet. Das ist eigentlich ein harntreibendes Medikament. Man muss dann sehr viel öfters "aufs Klo". Und nebenbei steigt sukzessive der Kaliumspiegel im Blut an, was - wenn nicht regelmässig laborchemisch kontrolliert - mal eben zu einem plötzlichen Herzstillstand führen kann. (Kalium-Überdosen werden bis heute in manchen Ländern zur Vollstreckung der Todesstrafe sowie weltweit bei der Einschläferung von Tieren eingesetzt.)
War also eher nichts für mich. Obwohl bei den o.g. Laborkontrollen in meiner Praxis mein Kaliumspiegel eher im unteren Normbereich lag.
So kam ich dann zum Finasterid. Das ist ein Wirkstoff, der primär bei der gutartigen Prostatavergrösserung zum Einsatz kommt. Seit Jahrzehnten bewährt, relativ nebenwirkungsarm - und dennoch ein potenter Testostronblocker. Es hat nur einen grossen Nachteil: bei Menschen mit chronischer Migräne (und an einer solchen leide ich seit einer schweren Meningitis (Hirnhautentzündung) im Alter von 5 Jahren) kann es bei gewissen körperlich anstrengenden Aktivitäten (ich überlasse es jetzt mal Eurer Phantasie, welche diese sein könnten) zu plötzlichen und geradezu vernichtenden Kopfschmerzen kommen, die Stunden bis Tage andauern können.
Ich habe den Versuch jedenfalls nach 2 Wochen abgebrochen.
Also dann doch Cyproteronacetat. Die empfohlene Tagesdosis für Transfrauen liegt bei 50mg pro Tag. Ich habe Ende Juli mal mit der Hälfte begonnen und nach einer Woche auf die volle Dosis gesteigert. War schlimm. So richtig schlimm. Die Kopfschmerzen traten jetzt praktisch täglich auf, unabhängig von der Situation. Manchmal mitten in der Sprechstunde. Also nochmal Abbruch.
Ende August habe ich dann einen zweiten Versuch gestartet. Ganz niedrig dosiert, nur 12.5mg alle zwei Tage. Als das funktionierte, habe ich diese Dosis nach zwei Wochen dann täglich eingenommen.
Aktuell bin ich bei einem Einnahmeschema, an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je 12.5mg und am dritten Tag 25mg einzunehmen. Und das passt jetzt auch für mich. Ich bin dabei zwar massiv unterhalb der Standarddosierung, aber wie sich dies auswirkt, werde ich kommende Woche sehen, wenn ich mal meinen Testosteronspiegel im Blut bestimmen lasse.
Rein gefühlsmässig ist es für mich im Moment super. Ich bin so relaxt, wie lange nicht mehr, rege mich kaum noch auf, habe viel mehr Geduld als zuvor. Was das Zeuch noch so bewirkt haben mag, könnt Ihr gerne aus meinen bisherigen Kommentaren herauslesen. 
(Nota bene: ich mache in dieser Hinsicht alles, was eigentlich von erfahrenen Endokrinolog*innen begleitet werden sollte, seit zwei Jahren in kompletter Eigenregie. Nachmachen nicht empfohlen. Ich habe zumindest ein wenig wissenschaftlichen Hintergrund, um das zu tun, und die notwendige Laborausrüstung, um es zu überwachen. Aber ich bin auch gespannt, was ich mir beim ersten Beratungstermin im Unispital werde anhören müssen. Stichwort: "Ärzt*innen sind die schlimmsten Patient*innen.")