Das Viertel Rocinha
Im Vorfeld waren wir sehr unsicher, ob wir tatsächlich in eine Favela fahren sollten. Aber der Touranbieter hat uns die Entscheidung abgenommen: er hat diesen Punkt in unser Programm für Samstag aufgenommen. Geplant war eine kurze Fahrt durch die Favela. Am Eingang stieg eine weitere Tourguide zu, die sich in der Favela sehr gut auskennt und dort auch sehr bekannt ist. Eine sehr temperamentvolle Frau, die immer wieder Bekannte aus dem Autofenster begrüßte. Da für viele Menschen, die schlecht bezahlten Beschäftigungen nachgehen, eine normale Wohnung in Rio unerschwinglich ist, gehen sie auf die Hügel und bauen dort ‚illegal’, aber von der Stadt toleriert. 30% der Bevölkerung Rios wohnen in solchen Favelas. Sie sind ein rechtsfreier Raum, wo Banden das Sagen haben und für Ordnung sorgen. Das sorgt einerseits für eine gewisse Struktur und Sicherheit, andererseits gibt es Macht- und Verteilungskämpfe zwischen den Banden, und so kommt es immer wieder zu Schießereien. Oder auch, wenn die Polizei einen ihrer eher seltenen Einsätze in einer Favela macht. Trotzdem kann ich rückblickend schreiben, dass wir uns sicher gefühlt haben.
Der erste Eindruck: es wimmelt von Menschen, Autos und Motorrädern. Laden reiht sich an Laden, und die Leute transportieren von einem Karton mit Eiern bis hin zu zwei Kindern zwischen Mutter und Vater alles auf ihren Motorrädern. Schnell ging es nicht mehr weiter: ein Müllauto verursachte ein Verkehrschaos. Erst hatte ich ein mulmiges Gefühl, aber das verging bald, und wir schauten dem quirligen Treiben interessiert zu. Unsere Guide, deren Namen ich leider vergessen habe, erklärte uns auf Portugiesisch das eine oder andere soziale Projekt und zeigte uns sonstige Sehenswürdigkeiten. Unser Fahrer Jürgen war so beschäftigt mit dem Bewältigen des Verkehrschaos, dass ein Teil der Übersetzungen leider auf der Strecke blieb. Dennoch festigte sich der Eindruck, dass dies ein ganz normaler - armer - Stadtteil ist mit Strom, Wasser, Geschäften, Schulen, Ärzten, Werkstätten und allem, was dazu gehört. Nur dass die Bauweise sehr ungeordnet stattfindet: wann immer etwas Geld vorhanden ist, wird weiter gebaut.
An einem Punkt oben auf dem Berg stellten wir das Auto in einer bewachten Garage ab und gingen zu Fuß weiter. Durch enge, verwinkelte Gänge über zum Teil steile Treppen gingen wir zu einem Restaurant mit Aussichtsterrasse. Hier wurden wir freundlich empfangen, mussten für ca. 5 € ein Getränk kaufen und konnten dann die Aussicht von hier oben genießen. Da die Zeit schon sehr fortgeschritten war und wir am Nachmittag mit einem lieben deutschen Freund, der hier in Rio wohnt, verabredet waren, mussten wir uns bald verabschieden und fuhren auf kurzem Weg zurück zum Schiff.
Rund 200.000 Menschen leben nur in dieser Favela.
Gebaut wird, wo Platz ist