31.01.25: Seetag auf dem Weg in die Antarktis
Nach dem gestrigen ungeplanten Seetag folgte nun heute der geplante. Wir konnten endlich mal wieder halbwegs ausschlafen. Das Wetter hatte sich ein wenig beruhigt, der Wind bzw. Sturm hatte merklich nachgelassen. Etwas Seegang war immer noch vorhanden – auf einem großen Schiff wie der Mein Schiff hätte man wahrscheinlich nichts gemerkt, auf einem kleinen Schiff wie der HANSEATIC nature aber schon. Es war aber für uns kein Problem.
Stand in Südgeorgien mehr die Tierwelt im Vordergrund, würde es morgen eher historisch werden. Das heißt natürlich nicht, dass es dort, wo wir morgen sein werden, keine Tiere gibt.
Zur Einstimmung auf das Kommende waren auch die Vorträge am heutigen und morgigen Tag zu verstehen. Los ging es um 10:00 Uhr mit „Last Action Heroes – Erforschung und Entdeckung der Antarktischen Halbinsel“. Wir hörten Geschichten über die heldenhaften Entdecker der Vergangenheit (v.a. Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts) sowie über die Forschungen in der Moderne und die heutigen großen Stationen, die sich in der Antarktis befinden. Welche großen Entdecker gab es hier, mit welchen Unwägbarkeiten hatten sie zu kämpfen, was haben sie erforscht? Auf eine spezielle Expedition der Historie werde ich später noch eingehen.
Im Anschluss ging es meteorologisch weiter. „Wetter, Unwetter oder Klimawandel?“ brachte uns die Begriffe der Meteorologie näher. Was ist Wetter? Was ist Klima? Usw.
Dann war erstmal Mittag sowie ein bisschen relaxen angesagt.
Wer sich übrigens gefragt hat, woher ich die ganzen Tiernamen unter den Fotos weiß: Am Nachmittag begaben Steffie und ich uns in die Ocean Academy. Neben den dort befindlichen Mikroskopen und Multimedia-Plätzen und -Panels gibt es dort auch die guten, alten Infomittel
Sprich: Tier-Bücher/-Lexika aus Papier!!! Wir glichen die Fotos auf der Kamera mit den Bildern im Buch ab und schon hatte man den Vogel identifiziert
OK, so schnell geht es dann doch nicht, man muss schon ein bisschen suchen. Aber zum Glück gibt es verschiedene Fachbücher für die Falklands oder Südamerika, man muss also nicht im Welt-Lexikon suchen. Zum anderen können wir schon ein wenig die Familien der Vögel unterscheiden (das ist eine Eule, das ein Falke, das ein Fink usw. und nicht nur: das ist ein Vogel
). Damit ging es dann ganz gut. Und außerdem waren später am Nachmittag auch die Experten in der Ocean Academy und wenn man gar nicht weiter wusste, konnte man die Biologin fragen. Das meiste haben wir aber selbst herausgefunden!
Leider macht sich hinten im Schiff genauso wie am Bug der Seegang schon eher bemerkbar. Ganz lange hielt man es dort bei diesen Bedingungen nicht aus. Also besser wieder in die Schiffsmitte.
Außerdem stand auch der nächste Vortrag an. Gast-Lektor Reinhold Messner erzählte über die Shackleton-Expedition, „Wild: oder der letzte Trip auf Erden“. Untermalt mit zahlreichen Originalfotos tauchten wir ein in die Geschichte dieser berühmten Expedition.
1914 brach Sir Ernest Shackleton mit seinem Schiff, der Endurance, auf, um die Antarktis zu durchqueren. Insgesamt 28 Männer befanden sich auf dem Schiff. Amundsen hatte 1911 den Südpol erreicht und die Forscher und Entdecker in der Antarktis mussten sich somit neuen Zielen stellen, die Durchquerung war eines davon. Shackleton hatte bereits zuvor einige Expeditionen erfolgreich unternommen. Dieses Mal wollte er vom Weddellmeer die Expedition auf dem Antarktischen Festland starten. Leider fror sein Schiff im Eis ein und es gab erstmal kein Weiterkommen. Die Männer machten es sich auf dem Eis „bequem“, sprich sie richteten ein Lager neben dem eingeschlossenen Schiff ein. Ca. 9 Monate drifteten sie mit den Eismassen mit. Sie lebten von ihren Vorräten. Hunde, die sie auf die Reise mitgebracht hatten, waren bei Transporten hilfreich.
Dann jedoch führte der Druck der Eismassen dazu, dass das Schiff auseinanderbrach. Die Männer konnten vorher noch die letzten Vorräte und Ausrüstung vom Schiff holen, außerdem konnten 3 Rettungsbote gesichert werden.
Als im Herbst 1915 eine Fahrrinne zwischen den Eismassen entstand, entschied Shackleton, dass man sich mit den Rettungsbooten in Richtung der Süd-Shetland-Inseln aufmachen sollte. Ziel war es, eine der bekannten Inseln, wo ab und an Walfänger vorbeikommen, zu erreichen und die Chancen auf Rettung dadurch zu erhöhen. Also machte man sich auf und ruderte Richtung Norden. Die Bedingungen bei der Überfahrt waren jedoch schlecht, immerhin erreichte man Elephant Island, eine unbewohnte, abgelegene Insel. Nach mehreren vergeblichen Versuchen konnten die Männer einen halbwegs geeigneten Landeplatz finden und gingen an Land.
Shackleton erkannte, dass sich hier in diese Gegend nur selten Walfänger oder andere Schiffe verirren würden. Wenn man Chance auf Rettung haben wollte, musste man diese aktiv anfordern. Also reifte der Plan, mit einer kleinen Gruppe die 1.500km nach Südgeorgien in einem der Beiboote zu fahren und dort Hilfe zu holen. Also wurde eines der Boote umgebaut und Shackleton machte sich im April 1916 mit 5 Männern auf. Nach einer kräftezehrenden Überfahrt erreichten sie die Südküste von Südgeorgien. Die Walfangstationen befanden sich aber alle an der Nordküste. Eine Fahrt mit dem Boot dorthin war nicht möglich, die Überfahrt hatte sowohl am Boot als auch an der körperlichen Verfassung der Männer ihren Tribut gefordert. Also blieb nur, die Insel zu Fuß zu durchqueren. Shackleton und 2 weitere Männer wagten die Überquerung der Berge Südgeorgiens und kamen tatsächlich in der Walfangstation in Stromness an. Die übrigen 3 Männer verblieben in der Bucht, sie konnten den Marsch nicht mehr bewerkstelligen. Sie wurden kurz danach aber mit einem Boot von der Walfangstation eingesammelt und gerettet.
Frank Wild, ein treuer Gefährte Shackletons, der bereits verschiedene Expeditionen mit ihm unternommen hatte, richtete unterdessen auf Elephant Island das Lager ein, in dem die Männer den Winter überstehen und auf Rettung warten sollten. Aus den verbliebenen zwei Booten wurde eine Schutzhütte provisorisch errichtet, in der ein paar Männer stehend Schutz finden konnten. Da die Mitglieder der Expedition in körperlich und psychisch schlechter Verfassung waren, musste Wild die Männer bei Laune halten, es wurden Dienstpläne aufgestellt (wer beschäftigt ist, denkt nicht an andere Dinge), es wurden Feiern unternommen, Lieder gesungen, Fußball gespielt, Jagdausflüge durchgeführt. Da man anfangs zu optimistisch die Dauer der Rettung kalkuliert hatte, deckte man sich fast zu spät mit Vorräten (Pinguin- und Robbenfleisch) ein. Erst als fast alle Tiere die Insel verlassen hatten, begann man mit der Vorratsanlage. Besonders demotivierend kam hinzu, dass der Platz, an dem die Männer verharrten, sehr klein war. Anfangs mit einem Monat für Rettung kalkuliert, gingen Wochen und Monate ins Land. Niemand kam. Die Hoffnung schwand …
Shackleton unternahm mehrere Rettungsversuche, die alle scheiterten. Erst der vierte Versuch hatte Erfolg. Shackleton bat die chilenische Regierung, ihm die Yelcho unter Kapitän Luis Pardo zu leihen. Einen kleinen, stabilen Dampfer. Mit diesem Schiff gelang im August 1916 die Überfahrt nach Elephant Island, das Lager der Männer um Frank Wild wurde gesichtet und konnte auch angefahren werden. Innerhalb einer Stunde waren alle Männer an Bord und gerettet. Die Yelcho fuhr nach Punta Arenas zurück.
ALLE Männer der Expedition waren am Leben! Ein Verdienst von Shackleton und Wild, der auf Elephant Island die Gruppe zusammenhielt. Trotz widrigster Bedingungen und Entbehrungen starb keiner der Männer während der Expedition. Das Fleckchen Erde auf Elephant Island, wo die 22 Männer mehrere Monate bis zur Rettung ausgeharrt hatten, wurde später „Point Wild“ benannt.
1917 kehrten die Männer einzeln nach England zurück. Da inzwischen der I. Weltkrieg tobte, bekamen sie bei ihrer Heimkehr nicht die zustehende Aufmerksamkeit. Es gab wichtigere Themen als eine Expedition. Viele der Männer meldeten sich freiwillig als Soldaten, einige starben. Da überlebt man widrigste Bedingungen in unwirtlicher Umgebung und stirbt dann auf dem Schlachtfeld …
Sir Ernest Shackleton unternahm 1921 eine weitere Antarktis-Expedition, erneut zusammen mit Frank Wild. 1922 starb er jedoch an den Folgen eines Herzinfarkts auf Südgeorgien und wurde auf dem Friedhof in Grytviken auf Wunsch seiner Frau beerdigt. Später wurde Frank Wild, der 1939 starb, neben ihm beigesetzt.
Wir hatten den Friedhof mit beiden Gräbern vor 2 Tagen in Grytviken besucht. Und morgen war der Plan, Point Wild zu besuchen. Wir wandelten also auf geschichtlichen Pfaden.
Im Multimedia-System auf der Kabine konnte man übrigens auf der Reise den Stummfilm „SOUTH“ sehen. Dieser wurde während der Endurance-Expedition 1914 bis 1917 von Shackleton’s Kameramann auf Film und Foto aufgenommen und um Texttafeln erweitert. Wir konnten somit diese Geschichte mit Original-Aufnahmen nachverfolgen.
Nach dem Vortrag über die Expedition gab es noch ein Recap/Precap. Das Expeditionsteam ließ zusammen mit den Experten die Anlandungen in Südgeorgien Revue passieren und stimmte uns auf die kommenden Tage auf Elephant Island / Point Wild sowie im Weddellmeer ein.
Beim folgenden Abendessen wurden wir heute zum zweiten Mal in Folge dem Lido untreu – der Hotelmanager nahm das schon mit Stirnrunzeln zur Kenntnis 
Heute ging es nochmal ins Hamptons. Ein anderes Menü als beim Besuch vor 7 Tagen. Ich würde sagen, dieses Menü gefiel uns noch besser. Als Hauptgang gab es Burger. Im Anschluss gab es den „Talk an Bord“ im HanseAtrium mit Reinhold Messner und dem Schweizer Reiseveranstalter. Ein Thema war u.a. die Entwicklung des Tourismus in entlegenen Regionen.
Damit war dann auch dieser Seetag mehr oder weniger zu Ende. Am morgigen Tag wird es dann hoffentlich auch wieder was in Echt zu sehen geben und nicht nur in Vorträgen …
VG Sven