Tag 12 – Atlantik, Seetag 4: Sonne im Herzen, Paulchen Panther und ein weißer Hai mit Bodenhaftung
Der nächste Seetag war fast eine Kopie des gestrigen Tages. Aber ganz ehrlich: Wenn die Vorlage so schön ist, darf man sie ruhig kopieren. Es gibt Schlimmeres, als auf dem Atlantik aufzuwachen, die Vorhänge zu öffnen und wieder nichts als Blau, Licht und Weite zu sehen.
Der Wind hatte nachgelassen, die Sonne lachte vom Himmel, und wir strahlten einfach um die Wette. Es war einer dieser Tage, an denen man gar nicht viel erklären muss. Man sitzt da, schaut aufs Meer, spürt die Wärme, hört das Schiff, wie es sich seinen Weg durch die sanften Wellen bahnt, und denkt sich: Ich bin glücklich. Einfach so. Ohne großes Drama, ohne besondere Gründe, ohne Programmheft-Highlight. Nur glücklich und dankbar.
Und vielleicht sind genau das die wertvollsten Reisemomente. Nicht unbedingt die großen Sehenswürdigkeiten, nicht die spektakulären Ausflüge, nicht die Fotos, die später alle bewundern. Sondern diese stillen Augenblicke, in denen alles passt. Meer, Sonne, Mensch und Lieblingsmensch neben mir. Und man selbst mittendrin, mit einem Herzen, das gerade sehr zufrieden vor sich hinleuchtet.
Natürlich starteten wir auch heute wieder mit Bewegung. Die Challenge gegen den Kapitän ließ uns ja nicht los. Inzwischen waren die Runden auf Deck 14 fester Bestandteil des Vormittags geworden. Schuhe an, raus an die frische Luft, loslaufen. Oder gehen. Oder irgendetwas dazwischen, je nachdem, wie motiviert die Beine gerade waren. Der Atlantik begleitete uns zuverlässig, mal mit Wind, mal mit Sonne, heute etwas freundlicher und weniger pustig als an den Tagen zuvor. Und wir hatten mittlerweile einen guten Vorsprung gegenüber dem Kapitän. Der muss sich echt ranhalten 😉
Und wieder war es schön zu sehen, wie viele Mitreisende mitmachten. Diese Challenge hatte wirklich etwas Verbindendes. Man kannte sich nicht unbedingt, aber man teilte ein Ziel, ein Deck, eine Strecke und manchmal auch den leicht entschlossenen Gesichtsausdruck von Menschen, die gerade versuchen, ihren eigenen Rekord zu schlagen, ohne dabei zu sportlich auszusehen.
Mittags ging es in den Anckelmannsplatz. Nach Bewegung an der frischen Luft schmeckt Essen ja bekanntlich noch besser. Wobei das auf Kreuzfahrten generell eine gefährliche Erkenntnis ist, weil Essen dort ohnehin zu jeder Tageszeit eine sehr überzeugende Idee zu sein scheint. Aber wir hatten ja Runden gesammelt. Also war alles offiziell legitimiert.
Dann kam er wieder. Paulchen Panther.
Pünktlich, gnadenlos und musikalisch gut gelaunt stahl er uns erneut eine Stunde. Total fies. Man hat gerade das Gefühl, den Tag einigermaßen im Griff zu haben, und plötzlich ist wieder eine Stunde weg. Einfach so. Natürlich alles im Dienste der langsamen Rückkehr Richtung europäische Zeit, schon klar. Aber trotzdem: Im Urlaub Zeit klauen ist und bleibt ein fragwürdiges Konzept. Selbst mit Soundtrack.
Am Nachmittag folgte wieder das, was inzwischen beinahe schon zu unserem persönlichen Seetags-Zeremoniell geworden war: Pooldeck, Sonne, Meerblick, lesen, faulenzen, Kaffee, vielleicht Eis – wobei „vielleicht“ bei Eis eigentlich ein sehr schwaches Wort ist. Eis geht immer. Wirklich immer. Selbst wenn man gerade behauptet, gar nichts Süßes zu wollen. Eis zählt nicht. Eis ist eine eigene Kategorie. Und geht ja auch in eigenen Magen.
Überhaupt war dieser Tag einer, an dem alles leicht war. Der Atlantik lag weiter um uns herum, das Schiff zog ruhig seine Bahn, die Sonne machte zuverlässig gute Laune, und wir ließen uns treiben. Auf See ist das Nichtstun irgendwann kein Mangel mehr, sondern eine Kunstform.
Am Abend wurde wieder getanzt. Heute stand Foxtrott auf dem Programm. Ein Klassiker. Elegant, schwungvoll, ein bisschen oldschool im besten Sinne und genau richtig, um dem Tag noch etwas Bewegung mit Haltung zu geben. Nach den lateinamerikanischen Tänzen der vergangenen Tage fühlte sich der Foxtrott fast ein bisschen wie ein Wechsel der Garderobe an: weniger Karibik in den Hüften, mehr Ballsaal im Kopf. Zumindest theoretisch. Praktisch war es wieder eine schöne Mischung aus Freude, Konzentration und dem Versuch, die Füße nicht eigenmächtig entscheiden zu lassen.
Nach dem Essen im Atlantik Mediterran ging es ins Theater zum Bordkino: „Miss Merkel – Mord auf hoher See“. Allein der Titel passte natürlich perfekt. Mord auf hoher See, während man selbst gerade auf hoher See sitzt – das hat schon einen gewissen Charme. Zum Glück blieb es bei der filmischen Variante. Ein bisschen Krimi, ein bisschen Humor, ein bisschen Theateratmosphäre – ein sehr angenehmer Abendprogrammpunkt, wenn auch durchaus ziemlich seicht, aber will denn schon schwere Kost auf einer so schönen Reise.
Später wartete dann noch die White Night auf dem Pooldeck. Also raus in die Abendluft, hinein in eine weiße Schiffsnacht mit Musik, Licht, Menschen und dieser besonderen Stimmung, die nur entsteht, wenn ein Pooldeck plötzlich zur Partyfläche wird. Mittlerweile war es wieder windiger geworden. Sehr windig sogar. Hätte der weiße Hai im Pool nicht festgebunden gewesen, hätte es ihn vermutlich zurück in den Atlantik verblasen. Und wer möchte schon erklären müssen, dass ein Deko-Hai über Bord gegangen ist?
Natürlich wurde auch ein Foto mit dem Kapitän gemacht. Ein kleines Highlight. So ein Kapitänsfoto gehört irgendwie dazu, besonders auf einer Reise, auf der wir ja offiziell täglich gegen ihn anliefen. Wobei er mit der Mein Schiff 1 natürlich weiterhin einen kleinen technischen Vorteil hatte. Aber bitte, WIR liegen trotzdem vorne.
Ein weiteres Highlight des Abends war das Schokoladenbuffet. Ein Träumchen. Und das sage sogar ich, obwohl ich eigentlich gar nicht so die Süße bin. Außer Eis natürlich. Eis geht immer, das hatten wir ja bereits geklärt. Aber dieses Schokoladenbuffet war wirklich beeindruckend. Nicht nur zum Essen, sondern vor allem zum Anschauen und Fotografieren. Kleine Kunstwerke, glänzende Versuchungen, Schokolade in Formen, Farben und Varianten, bei denen man fast ein schlechtes Gewissen bekommt, wenn man sie zerstört. Fast.
Ich fotografierte also ausgiebig, staunte, bewunderte und war sehr zufrieden damit, dass andere Menschen offenbar deutlich mehr Geduld für filigrane Schokoladendekoration haben als ich. Es sah großartig aus. Ein süßer Traum auf hoher See – und selbst wenn man nicht alles probieren wollte, war es optisch ein echtes Erlebnis.
So endete ein weiterer Atlantiktag. Einer, der vielleicht auf dem Papier nicht spektakulär klang, aber sich genau richtig anfühlte. Fast eine Kopie des Vortags also. Aber eine sehr, sehr gelungene. Und auch dieses schöne Gefühl blieb: Wir sind mitten auf dem Atlantik, weit weg von allem, und gerade genau dort, wo wir sein möchten.