Tag 15 – Atlantik, Seetag 7: Bilderbuchblau, Kapitän bezwungen und Bettdeckentiere mit kurzer Lebenserwartung
Unser letzter Seetag vor Madeira begann beinahe unwirklich schön. Nach den bewegteren Tagen zuvor zeigte sich der Atlantik heute von seiner ganz sanften Seite: sonnig, ruhig, fast windstill und so friedlich, als hätte jemand die große blaue Decke glattgezogen. Ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Nur eben ohne Buch, dafür mit sehr viel Meer.
Es war einer dieser Morgen, an denen man hinausschaut und sofort weiß: Heute wird nicht gekämpft. Heute wird genossen. Der Himmel strahlte, das Wasser glitzerte, die Mein Schiff 1 glitt ruhig dahin, und rundherum lag diese ganz besondere Stille, die man nur auf See erlebt. Keine Straßen, keine Stadtgeräusche, kein Land, das ablenkt. Nur Schiff, Sonne und Horizont.
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Peter
6. Juni 2019 um 11:56
Natürlich stand auch heute noch einmal unsere Challenge gegen den Kapitän auf dem Programm. Der große Endspurt. Nach all den Runden auf Deck 14, nach Wind, Sonne, Ehrgeiz, kleinen persönlichen Rekorden und der einen Zwangspause wegen der Notausschiffung wollten wir es nun natürlich wissen.
Und tatsächlich: Wir haben es geschafft.
Die Challenge gegen den Kapitän war gemeistert. Also gut, streng genommen hatte der Kapitän weiterhin den Vorteil, dass er ein Kreuzfahrtschiff unter sich hatte und wir nur unsere Füße. Aber darum ging es ja nicht. Wir hatten unsere Kilometer gesammelt, Runde für Runde, Tag für Tag, und haben unsere Vorgabe deutlich übertroffen. Und plötzlich fühlte sich diese kleine Bordaktion gar nicht mehr so klein an. Sie hatte uns beschäftigt, motiviert, bewegt und jeden Seetag ein bisschen strukturiert.
Ein bisschen stolz waren wir schon. Völlig zu Recht natürlich. Schließlich läuft man nicht jeden Tag mitten auf dem Atlantik gegen einen Kapitän an und gewinnt am Ende zumindest moralisch. Und moralische Siege zählen im Urlaub ganz besonders. Vor allem, wenn man sie anschließend mit Kaffee, Eis oder einem guten Abendessen würdigen kann.
Nach unserem sportlichen Triumph gegen den Kapitän – zumindest in unserer sehr persönlichen Interpretation der Ereignisse – ging es dann gleich weiter mit einem Programmpunkt, der perfekt zu einer Atlantiküberquerung passte: der nautisch-technischen Fragestunde mit dem Kapitän.
Und die war tatsächlich richtig spannend. Fast zwei Stunden erzählte er Wissenswertes rund um Navigation, Technik, Wetter, Routenplanung, Sicherheit, Maschinenleistung, Seegang und alles, was man sich als neugieriger Kreuzfahrtgast so fragt, wenn man tagelang über den Atlantik fährt und plötzlich sehr interessiert daran ist, wie dieses riesige schwimmende Zuhause eigentlich funktioniert. Ich mag solche Einblicke ja sehr, weil man danach wieder ein bisschen mehr Respekt vor allem hat, was im Hintergrund passiert. So ein Schiff fährt schließlich nicht einfach „geradeaus, bis Madeira kommt“, auch wenn das aus Passagiersicht manchmal sehr praktisch klingt.
Besonders schön war, dass die Fragestunde nicht trocken oder belehrend war, sondern mit einer guten Portion Humor ablief. Der Kapitän erzählte informativ, aber locker, erklärte technische Dinge verständlich und ließ immer wieder durchblicken, dass auf See zwar sehr viel Präzision, Erfahrung und Verantwortung gefragt sind, aber ein bisschen seemännischer Humor offenbar auch nicht schadet. Aus geplanten Fragen wurde so ein richtig unterhaltsamer Blick hinter die Kulissen der Brücke – und ehe man sich versah, waren fast zwei Stunden vergangen.
Der Tag blieb herrlich ruhig. Pooldeck, Sonne, Meerblick, ein bisschen Lesen, ein bisschen Faulenzen, ein bisschen einfach nur Dasein. Nach fast einer Woche Atlantiküberquerung merkte man, wie sehr man in diesem Seetagsrhythmus angekommen war. Was am Anfang noch nach „sieben Tage ohne Hafen“ klang, fühlte sich inzwischen an wie ein eigener kleiner Kosmos. Jeder Tag ähnlich, aber nie ganz gleich. Jeder Tag ruhig, aber nie leer.
Am Nachmittag stand dann noch ein weiteres Highlight auf dem Programm: Neptuns Abschlussinspektion mit Schlüsselrückgabe. Und das war herrlich schräg. Genau diese Art von Bordprogramm, bei der man sich zunächst fragt, was da eigentlich passiert – und dann feststellt, dass genau das der Reiz daran ist.
Der Kapitän übergab symbolisch einen großen Schlüssel zurück an Neptun und bedankte sich für die ruhige und sichere Überfahrt. Wer genau Neptun war, weiß ich bis heute nicht. Irgendjemand aus der Crew, kostümiert, mit nicht ganz so ausreichender Würde (sorry), Bart und Meeresautorität. Begleitet wurde das Ganze von Piraten, einer Nymphe, Meerjungfrau oder sonstigen Meereswesen – ich bin bei der maritimen Fabelwesen-Klassifizierung nicht ganz sattelfest – und allerlei kostümierten Gestalten, die das Spektakel wunderbar absurd und sehr unterhaltsam machten.
Es hatte etwas von Seefahrertradition, Karneval auf hoher See und liebevoller Bordfolklore zugleich. Nach sieben Tagen Atlantiküberquerung passte das aber perfekt. Wir hatten den Ozean überquert, Paulchen Panther überlebt, den Kapitän sportlich herausgefordert, Wind und Wellen kennengelernt und waren nun offenbar offiziell von Neptun entlassen. Oder zumindest geduldet. Auch schön.
Auf unserer Kabine wartete auch wieder ein neuer Mitbewohner auf uns. Oder besser gesagt: ein kunstvoll gefaltetes Bettdeckentier.
Fast jeden Tag hatte sich unser Kabinenservice etwas Neues einfallen lassen. Plötzlich lag da ein Tierchen auf dem Bett, aus Bettdecke geformt, mit liebevollen Details und diesem Talent, einen sofort zum Lächeln zu bringen. Man kommt in die Kabine, rechnet mit nichts Besonderem – und dann schaut einen da ein kleiner textiler Bewohner an, als hätte er schon den ganzen Tag auf Gesellschaft gewartet.
Leider hatten diese Tierchen bei uns immer nur ein sehr kurzes Leben. Ihre Existenz war zauberhaft, aber tragisch begrenzt. Spätestens am Abend, wenn wir schlafen gingen, war es vorbei mit der Artenvielfalt auf unserer Kabine. Aus dem geplanten Bord-Zoo wurde also leider nichts. Nicht einmal eine richtige One-Animal-Show konnte dauerhaft etabliert werden. Eher eine täglich wechselnde Pop-up-Fauna mit eingebautem Verfallsdatum.
Oder anders gesagt: Unsere Kabine war kurzzeitig ein liebevoll dekorierter Mini-Zoo, der sich jeden Abend aus praktischen Gründen wieder selbst abschaffte.
Schade eigentlich. Aber sehr charmant.
Am Abend wurde wieder getanzt. Heute standen Boogie und Jive auf dem Programm – also genau die Art von Tänzen, bei denen man schnell merkt, ob die Beine noch wach sind. Nach all den Seetagen, Runden gegen den Kapitän und diversen kulinarischen Verpflichtungen war das durchaus eine berechtigte Frage.
Aber es machte wieder unglaublich viel Spaß. Boogie und Jive bringen einfach Schwung in den Abend. Flott, fröhlich, lebendig – und mit einem gewissen Risiko, dass man plötzlich mehr Energie vortäuscht, als man tatsächlich noch besitzt. Zum Glück galt Kathis wunderbares Motto: „Es gibt keine Fehler, nur Variationen.“
Ein Satz, den man eigentlich ins Leben übernehmen sollte. Gerade beim Tanzen ist er Gold wert. Schritt vergessen? Variation. Falsche Richtung? Kreative Interpretation. Zu früh gedreht? Spontane Erweiterung des Figurenmaterials. So betrachtet waren wir vermutlich nicht nur Tänzer, sondern regelrechte Künstler der freien Bewegungsauslegung.
Nach dem Tanzkurs ging es ins Theater zu „Varieté Voyage“. Ein passender Programmpunkt für diesen letzten Seetag vor Madeira. Bühne, Licht, Artistik, Musik, Atmosphäre – eine schöne Mischung aus Staunen und Unterhaltung.
Und weil ein schöner Seetag natürlich einen würdigen Abschluss braucht, landeten wir danach wieder in der Galeriebar. Wen überrascht es noch? Uns jedenfalls nicht. Die Galeriebar war mittlerweile zu einem unserer festen Abendplätze geworden. Man geht hin, bestellt etwas, plaudert, lacht, lässt den Tag ausklingen – und plötzlich ist man wieder sehr einverstanden mit allem.
Draußen fuhr die Mein Schiff 1 weiter Richtung Madeira. Nach sieben Seetagen am Stück rückte nun wieder Land näher. Ein seltsames Gefühl. Einerseits freuten wir uns natürlich auf Madeira, auf Insel, auf Grün, auf neue Eindrücke. Andererseits war da auch ein bisschen Wehmut. Diese Atlantiktage hatten ihren ganz eigenen Zauber entwickelt. Ruhig, weit, entschleunigt und voller kleiner Rituale.