Beiträge von Joean

    Tag 3 - Warum wir wegen mir Weltmeister wurden...

    Teil 1


    Heute wollen wir endlich mal eine echte Innovation ausprobieren. Auf der MS 1 gibt es ja ab November eine Eisbahn. Eislaufen war ich auf einem Kreuzfahrtschiff auch noch nie.


    Der Fairness halber muss ich ja zugeben, dass ich auch sonst nicht übermäßig viel mit Eislaufen am Hut habe. Um es ganz klar zu sagen, war ich das letzte Mal im Jahr 2006 eislaufen und zwar in Sankt Johann in Tirol.


    Um diese Geschichte zu erzählen, muss ich glaube ich, mal etwas ausholen.

    Eigentlich waren wir ja damals zum Ballonfahren nach Tirol gereist. Immer im Januar fand dort ein Ballonfahrertreffen statt - eine Supergelegenheit um meinen Geburtstagsgutschein einzulösen - wie wir fanden.


    Jeder, der sich schon mal auf das Erlebnis Ballonfahren eingelassen hat weiß, dass dieses Vergnügen ein ziemliches Wetterwagnis in sich trägt. Wir hatten uns also für eine ganze Woche in Tirol eingemietet und ständig einen wachen Blick aufs Handy. Die Ansage war: "Wenn ihr bis abends um zehn nichts von uns gehört habt, dann wird es am nächsten Tag auch nichts. Aber haltet euch trotzdem bereit. Das Wetter kann hier schnell wechseln."


    Völlig klar, dass man nach so einer Ansage ständig wie auf Kohlen sitzt und jedwede Ausflugsplanung in den Wind schreiben kann. Das Wetter aber hatte mit uns ein Einsehen und schon nach zwei Tagen warten, konnten wir an einem Montag im strahlenden Sonnenschein über die leidlich verschneiten Gipfel des Wilden Kaisers schweben - also fahren - wie es ja richtig heißt.


    Damit hatte sich unser eigentlicher Besuchsgrund in Sankt Johann dann erledigt und es stellte sich die Frage: Was macht man nun noch im Januar in Tirol? Ganz klar: Ski fahren. Wenn mans kann. Wir konnten nicht. Also: Skischule. Als wir da dann am Dienstag früh hinkommen, guckt uns die Dame mitleidig an und sagt: "Nein, Anfängerkurse starten immer am Montag. Da kann ich Sie heute nicht mehr hinschicken."


    Na toll! Und nu? Wir guckten uns beide etwas bedröppelt an.

    "Aber sie könnten sich einen privaten Skilehrer mieten.", sagt die Dame mit leuchtenden Eurozeichen in den Augen. "Das ginge dann auch schon für heute."


    Ja nee - iss klar.

    Bei der Nennung des verträumten Preises für diesen Personalluxus kriege ich kurz weiche Knie, aber man gönnt sich ja sonst nix!


    Und pünklich halb zehn nahm dieser Albtraumtag dann seinen Lauf. An den Namen des jungen Mannes habe ich leider keinerlei Erinnerung, daher nennen wir ihn der Einfachheit halber Hannes.


    Ich hatte ihn schon gefressen, da war ich den Idiotenhügel noch nicht mal halb oben. Was für eine Schinderei! Wieso haben die hier keinen Aufzug oder wie das heißt!


    Unsere erste Lektion: Bremsen.

    "Bei uns heißt dös Schneepflug. Ihr klappts die Knie nach innen und die Füße unten nach außen."


    'Moment: Die Knie nach innen und die Füße unten... Das sieht aber kacke aus! Und im Fernsehen machen die das nie so!'


    "Und dann machts mit den Skiern vorn a Dreieck. Dös bremst dann."


    'Hähä! Bei dir vielleicht...'


    "Probierts mal."


    Wir rutschen also in Zeitlupe den Hang etwas runter und knicken dann weisungsgemäß die Beine auf orthopädisch bedenkliche Weise ein.


    Verwundert stelle ich fest, dass meine Skier wesentlich besser gewachst sein müssen als Gögas, denn ich rutsche locker 5 Meter tiefer als er. Das bereue ich sofort, denn nun muss ich auch 5 Meter länger wieder hoch.

    Hatte ich übrigens schon erwähnt, wie ich das finde?


    Unser Hannes ist mit dem Bremsweg nur halb zufrieden. Also, d.h. mit Göga's ganz und mit meinem ...


    "Macht's nochmal das Ganze. Bis hier", er zeigt auf eine Stelle im Schnee, "rutschen und dann macht's den Schneepflug. I woart hier unten."


    Göga rutscht elegant los, knickt rechtzeitig ein und bleibt einen halben Meter vor Hannes stehen. Der ist begeistert: "Dös hast guart gmacht."

    Dann guckt er den Hang hinauf: "Und nun du."


    Ich setze mich in Bewegung.

    Wo war dieser Punkt im Schnee nochmal? Ach... iss ja auch egal....

    Und ich rutsche und rutsche, Hannes springt beiseite... und kurz vor der Apres-Ski-Bude wird der Reibungswiderstand zwischen den Brettern und dem Schnee dann doch noch so groß, dass ich gestoppt werde.


    'Super! Ich kann bremsen!', jubelt es in mir.

    Leider sieht Hannes das anders.


    Als ich dann endlich bis zu ihm zurück gestampft bin, scheucht er mich wieder den Hang hoch. Diesmal kommt er aber mit. Und er hat einen Knüppel in der Hand. Mir wird seltsam!


    "Also hier", er zieht mit dem Holz einen Strich in den Schnee, "hier fährst los. Und hier", er zieht weiter unten einen zweiten Strich in den Schnee, "hier fängst an zu bremsen."


    'Kleinigkeit! Mit so ordentlich gesetzten Landmarken kann ich doch arbeiten', denke ich mir.


    Hannes steht inzwischen wieder unten am Auslauf und brüllt zu mir hoch: "Kumm, Mädel."


    Vorsichtig setze ich mich in Bewegung.

    "Kumm, Mädel, kumm."


    'Na gut, dann kumm ich jetzt...

    .

    .

    .

    Huch, der zweite Strich kam jetzt aber schnell...'


    In diesem Punkt sind Hannes und ich mal einer Meinung. Nur: er reagiert schneller. "Brems, Mädel!"


    'Ja, mach ich doch.'

    "Schneepflug, Schneepflug, Mädel!"

    'Äh - wo?'


    "Bremsen sollst!"


    Ich rase direkt auf Hannes zu.

    Möglicherweise hatte er auch noch nicht so viel Erfahrung mit einer derart ausgeprägten Bewegungslegasthenik, denn diesmal bleibt er stehen. DAS nenn ich mal Optimismus!


    Kurz vor dem dann unvermeidlichen Zusammenprall tröste ich mich noch mit dem Gedanken: 'Ich hab ihn bezahlt, da kann ich ihn auch umfahren.'

    Ende Teil 1

    ... und warum heißt dieser Tag nun: "Warum wir wegen mir Weltmeister wurden?"

    Das erfahrt ihr dann morgen.

    LG Joean

    Tag 2


    Dunkelheit...

    Kein Schimmer, kein Strahl.

    Nur Dunkelheit - so weit das Auge reicht.


    Ich glaube, das hier ist ein Déjà-vu.

    Zumindest ein halbes.

    Denn: war es in der letzten Nacht noch geradezu gespenstisch still, ist es jetzt alles andere als das.


    Möht - Möht -Möht - Möht - Möht - Möht - Möht - Mööööööhhhhht!


    Penetrant möhtend schallt es durch unsere Kabine.

    Und das mitten in der Nacht!


    Erkennt ihr es?

    Nein?

    Kein Problem!

    Da ist es wieder!


    Möht - Möht -Möht - Möht - Möht - Möht - Möht - Mööööööhhhhht!


    Aber jetzt erkennt ihr es!

    Die einen werden sich erinnern, die Anderen werden es gegoog.... haben.


    Und für den verschwindend kleinen Rest von euch: 7 kurze Töne, gefolgt von einem langen. Es ist das internationale Notsignal, welches die Passagiere auffordert, ihre Musterstationen aufzusuchen - auch Generalalarm genannt.


    Nach einem kurzen Blick auf die Uhr - es ist 3.43 Uhr - seufze ich tief und ergebe mich in mein Schicksal. Immerhin bin ich wohl die Einzigste auf diesem Schiff hier, die ahnt, wem wir diese Möhterei hier mitten in der Nacht zu verdanken haben. Nämlich: Göga.


    Der saß gestern Abend mit seinen beiden neuen "best buddies" Sascha H. und Florian S. beim Bier zusammen. Und ich lege beide Hände dafür ins Feuer, dass das hier auf sein Konto geht.


    Seit Jahren regt er sich ja schon über die mehr oder minder laxe Durchführung der obligatorischen Seenotrettungsübung auf. Wie könne man denn das Einfinden an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit ohne das Tragen einer Rettungsweste und ohne das Betreten eines Rettungsbootes eine Rettungsübung nennen. Das ginge ja gar nicht!


    Jedes Mal, aber wirkliches JEDES Mal darf ich mir anhören, dass er dieses Prozedere wesentlich wirklichkeitsnaher ablaufen lassen würde, wenn er denn mal was zu sagen hätte. Offensichtlich ist es nun soweit, denn es war noch nie von Nachteil, die beiden Kapitäne zu kennen.


    Und überhaupt das Typischste an dieser Situation ist, dass genau dieser Göga nun neben mir im Bett liegt und leise vor sich hin schnorchelt. Das "Möht - Möht" stört ihn nicht im Geringsten, wenn er auf dem "richtigen" Ohr liegt.
    Mir bleibt aber auch nichts erspart!

    "Schatz, aufstehen!", ich rüttle vorsichtig an seiner Schulter.

    "R.....mmmpfffff."

    "AUFSTEHEN!", ich zerre an der Bettdecke.

    "Wassssnnnnnlos?"

    "Alarm! Du musst aufstehen!"


    Möht - Möht -Möht - Möht - Möht - Möht - Möht - Mööööööhhhhht!


    "Hörst Du das nicht?"

    "Wassssnnnn?"

    "Das Notsignal!"


    Ganz kurz ist er still, dann schießt er mit einem breiten Grinsen über alle vier Backen begeistert aus dem Bett hoch, "Die machen das wirklich?!".


    Jetzt ist er offensichtlich wach und der letzte Satz bestätigt mir, dass ich auf genau der richtigen Fährte war.


    Mit den Worten "Na los, nu beeil Dich mal. Ist doch Alarm!", ist er mit einem großen Satz aus dem Bett und verschwindet schon im Bad.


    'Na super. Jetzt treibt er mich an! Hätt ich ihn vielleicht doch besser schlafen lassen sollen?'


    Während ich noch darüber nachdenke, wie viel Zeit uns das hier von unserer Nachtruhe rauben wird, ist er aus dem Bad schon wieder raus.


    "Wie?! Du bist ja immer noch nicht angezogen! Los los!"


    'Boah, was für ein Streber!'


    Na gut. Dann werde ich mich mal anziehen. Schön dick und soviel wie geht. Wenn ich mit meiner Vermutung richtig liege, dann wird er seinen beiden Freunden das volle Programm schmackhaft gemacht haben. Gedanklich richte ich mich auf mehrstündiges Rumstehen an Deck ein.


    Ihm geht das hier alles viel zu langsam. Er ist inzwischen schon in voller Montur, hat seine Rettungsweste an und weil ihm jetzt langweilig wird, probiert er schon mal die an der Weste befindliche Pfeife aus.


    Jetzt dringt nicht nur das "Möht - Möht - Möht" durch die Kabine, sondern es wird ergänzt durch ein nerviges "Pfüüüt - Pfüüüt - Pfüüüt".


    Womit hab ich das verdient!!!


    "Feste Schuhe musst Du anziehen! Und hast Du eine Mütze? Und einen Schal?"


    "Jaaaaaa."


    "Dann los jetzt! Wir sind schon viel zu spät!"


    Wir verlassen die Kabine. Gerade als wir auf dem Gang stehen: "Wo ist eigentlich unsere Musterstation?"

    "Super! Statt mich anzutreiben, hättste dich ja darum schon mal kümmern können!"

    Also wieder rein in die Kabine. Das ist hier wie im echten Leben!

    "Konferenzraum!"

    "Also los."


    Als wir dann im Konferenzraum ankommen, sind wir dort mutterseelenalleine. Hier ist überhaupt keiner. Noch nicht mal einer, der unsere Anwesenheit auf einer Papierliste abhaken will. Göga ist davon nicht abzuhalten. "Die sind bestimmt alle schon bei den Rettungsbooten. Nur weil du nicht aus der Hüfte gekommen bist!", sagts und stürmt samt Weste schon wieder aus der Tür.


    Auf dem Weg nach draußen auf Deck 5 begegnen wir zumindest einigen Mitreisenden, die ziemlich verschlafen und verwirrt durch die Gänge irren. Einige schleifen ihre Rettungsweste hinter sich her und verheddern sich bei jedem zweiten Schritt in den Gurten. Bloß weg hier!


    Als wir bei den Rettungsbooten ankommen, wartet dort tatsächlich schon ein Offfzier und bittet uns mit einladender Geste, doch schon mal Platz zu nehmen. "Noch ist alles frei. Sie können sich die besten Plätze aussuchen."


    Das lässt Göga sich nicht zweimal sagen und setzt sich direkt neben den Bootsführer, den er auch sogleich in ein fachliches Gespräch verwickelt.


    Ich dagegen finde das Ganze etwas seltsam und am meisten interessiert mich ja, warum wir hier fast alleine sind. Wo sind die anderen alle? Ich beschließe, der Sache auf den Grund zu gehen.


    Göga ist in Sicherheit und in guten Händen, dann kann ich auch meinem eigenen Entdeckerdrang folgen. Also mache ich kehrt. Auf dem Weg zu den Fahrstühlen kommen mir die ersten anderen Passagiere entgegen. Rettungswesten haben die Wenigsten an, aber dafür haben die meisten mindestens eine Rolle Toilettenpapier in den Händen.


    Das finde ich jetzt seltsam und es erinnert mich an irgendwas. Allerdings fällt mir im Moment beim besten Willen nicht ein, woran!

    In meine Überlegungen plingt das "Pling" des Fahrstuhls und ich bin nun auf Deck 12 angekommen.


    Ach, du grüne Schei... Was ist denn hier los?

    Im Anckelmannsplatz spielen sich unbeschreibliche Szenen ab.

    Alles, was irgendwie essbar aussieht, packen die Passagiere sich vorsichtshalber in die Taschen.

    Eine Blondine ist gerade dabei, sich ein paar der Deko-Plastik-Paprikaschoten des Gemüsebuffets unter die Bluse zu stopfen.


    Hier sieht es aus, als wäre ein Orkan durchgefegt. Jetzt wird mir auch klar, warum an den Rettungsbooten (noch) nichts los war.


    Nach mir betritt noch ein sehr, sehr beleibter Mann das Restaurant. Suchend sieht er sich um, aber hier ist nun wirklich nichts mehr zu holen.


    Niedergeschlagen wankt er durch das herrschende Chaos und stopft sich schließlich resigniert eine der herumstehenden Pfeffermühlen von der Wok-Station in die Hose.


    Keine Ahnung, was das bringen soll. Aber es macht auf jeden Fall ein interessantes Profil!


    Für mich gibt es hier nun weder noch was zu holen, noch zu gucken. Dann schaun wir doch mal nach, wie es inzwischen bei den Rettungsbooten aussieht.


    Zurück auf Deck 5 fall ich fast vom Glauben ab: Das Regime haben hier inzwischen die Passagiere selbst übernommen - und zwar straff marktwirtschaftlich orientiert. Der Zutritt zu einem Rettungsboot kostet nun zwei Rollen Klopapier. Ermäßigt: eine Rolle. Dafür kriegt man dann aber nur einen Platz im schaukelanfälligen Heck oder ganz vorne.


    Klasse - nun weiß ich wieder, was ich falsch gemacht habe. Bötchen fahren kann ich wohl vergessen. Man sollte im Ernstfall eben doch nicht erst durch's ganze Schiff turnen - so wie ich.


    Angst, nicht gerettet zu werden, muss ich aber trotzdem nicht haben. Schließlich gibt es da ja noch diese Rettungsinseln, die sonst so unscheinbar in diesen grauen Tonnen verpackt, an Deck lagern. Einige davon treiben schon im Wasser und im Dämmerlicht des langsam heranbrechenden Morgens sehe ich einen Offizier, der mir freundlich zuwinkt.


    "Don't wurry, Ma'am. Here you will be helped."


    Während ich langsam näher komme, sehe ich diesen Riesenschlauch an seiner Seite über der Reling hängen. Das Ganze sieht aus wie der Eingang zu einer Wasserrutsche - und mit diesem Vergleich liege ich goldrichtig. Das andere Ende dieses Schlauches mündet in einer dieser auseinandergeklappten Rettungsinseln.


    'Don't wurry! Du Witzbold. Du denkst doch wohl nicht im Ernst, dass ich hier den Abgang durch diese Röhre probe! No way! Und wenn ich vom Kapitän persönlich dabei geholfen kriege!'


    "Kein Problem!"

    Wie aus dem Nichts steht wieder dieser Florian S. neben mir, nimmt mich auf den Arm als wolle er mich über eine imaginäre Schwelle tragen und lässt mich unter dem Applaus der Umstehenden in diesen Schlauch plumpsen.


    "HILFFFEEEEEE!!!!!!"


    Innerhalb der nächsten zwei Sekunden werde ich wohl aufgrund meines Eigengewichtes den Boden der Rettungsinsel durchschlagen und wir alle werden jämmerlich ertrinken...


    Komisch, eigentlich müsste ich doch nun schon unten angekommen sein. Ich mache langsam die Augen wieder auf und stöhne.

    Das war ja wieder sowas von klar. Warum muss das immer mir passieren?


    Ich stecke in diesem Schei...Schlauch hier fest! Nun rächen sich die vielen Klamotten, die ich mir vorsichtshalber noch angezogen hatte. Gut - es rächen sich auch die vielen leckeren Cocktails und der große Bogen, den ich immer um das Ganz-Schön-Gesund-Buffet gemacht habe.


    Unten am Ende des Tunnels steht dieser Sascha H. und stiert mir von dort ungeniert auf den Bauchnabel.


    ICH WILL HIER WEG!!!!!


    Und während ich noch versuche, irgendwie den Bauch einzuziehen, höre ich von oben die auffordernde Stimme des Offiziers.

    "Don't wurry, Mister. You need to put your legs in this tube."


    'NEIN!!!!! Noch nicht!!!! Ich bin doch noch nicht raus hier.'


    Im nächsten Moment bekomme ich einen harten Schlag an die Schulter. Eine Pfeffermühle hat mich mit voller Wucht getroffen...


    Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere....


    LG Joean P.S. Kann mir bitte mal jemand sagen, warum ich bei dieser Reise nie weiß, wie ich wieder auf meine Kabine gekommen bin?

    Tag 1

    Stille...

    Kein Knarren, kein Knarzen.

    Kein Poltern,

    kein Wort. Nur Stille - so absolut, dass sie unendlich scheint. 


    Bin ich wach oder träum ich?

    Oder bin ich vielleicht tot?

    Gut: für tot würde sprechen, dass mir nichts weh tut.


    Keine Schulter, die muckt, kein Knie, das zieht und der Rücken, der ja eigentlich immer und an allem irgendetwas auszusetzen hat, schweigt. Gerade so, als hätte er sich aufgelöst in - Nichts.


    Kann man als Toter die Augen öffnen? Gute Frage!

    Versuch macht kluch.


    Ich öffne also meine Augen. Also - ich denke, ich öffne meine Augen...   


    Dunkelheit... Kein Schimmer, kein Strahl.

    Nur Dunkelheit - so weit das Auge reicht. Aber: Wie weit ist das schon! Oh mein Gott! Was, wenn sie mich lebendig begraben haben! Mein absoluter Albtraum!   


    "Mädel, nun mach mal hier nicht so eine Panik! Denk lieber darüber nach, was geht! Du könntest ja zum Beispiel mal die Hand heben!"

    Okay, Hand heben! Guter Plan.

    Wenn ich jetzt die Hand hebe und an irgendwas anstosse, dann schrei ich!

    "Ja - schrei! Aber mach endlich was!"

    Okay, okay. Alle meine Energie versuche ich, in meinen Arm zu legen.

    Anheben! AN-HE-BEN!!!   


    Mein Arm bewegt sich, denke ich. Hoch, noch höher - kein Widerstand! 


    Das ist gut, oder? Doch, das ist gut. 


    Also - über Sarghöhe bin ich jetzt schon hinaus. Nicht begraben! Allet wird juut!   


    Gefühlt strecke ich nun meinen rechten Arm senkrecht in die Luft. "Na los! Da geht noch mehr!", feuere ich mich selber an.   


    Weiter, immer weiter hebe ich meinen Arm über meinen Kopf hinaus...


    "Aaaaaahhhhhh. Aua. Schei..."


    Dem Geräusch nach bin ich mit meinen Fingerknöcheln an etwas Holziges gestoßen. Aber, statt mich zu ängstigen, bin ich begeistert.


    Ich kann hören! Und weh tut es auch!


    Vorsichtig bewege ich meinen Arm an der holzigen Wand entlang, erst nach rechts, dann nach li..
    Oh!  


    Da ist etwas Metallisches mit einem kleinen Knubbel unten dran. Ganz vorsichtig befummle ich dieses Ding...

    Und dann mache ich einen folgenschweren Fehler. Ich mache nämlich das Licht an.


    "Booooaaaaah! Neeeee! Datt tut watt weh in die Oogen!"


    Es dauert etwas bis sich meine Äuglein an diese gleißende Helligkeit gewöhnt haben.

    Langsam, ganz vorsichtig bewege ich - immer noch liegend - meinen Kopf. Das kenn ich doch hier! Hier war ich schon mal!

    Wie der Vorhof zur Hölle sieht es hier nicht aus. Eher wie eine Kabine auf der MS 1.   


    Wie bin ich hierhergekommen?


    Intensiv grüble ich über diesen Gedanken nach, nur um dann zwei Sachen rauszufinden: 1. Ich weiß es nicht. 2. Mir ist schwei…kalt.

    Die Sache mit dem Frieren klärt sich relativ schnell. Ich liege hier nämlich mit klatschnassen Klamotten in diesem Bett.

    Verdammt, was ist nur passiert!

    Minutenlang durchforste ich mein Hirn auf der Suche nach einer klärenden Erinnerung. Jeder noch so kleine Gedächtnisfaden, der in meinem gefühlt viel zu großen Kopf unterwegs ist, wird hochgeholt, gedreht und gewendet, nur um dann wieder fallengelassen zu werden. Keine Chance!   


    Wie in einer dieser schlechten Komödien hebe ich vorsichtig meine Bettdecke an, um heraus zu finden, wie vollständig denn meine derzeitige Bekleidung ist.Mann, ist das peinlich!

    Also: jetzt nicht nur die Tatsache an sich, sondern das, was ich trage. An meinem Körper klebt so eine Art Oma-Nachthemd! Lang, weiß, mit Rüschen.

    Nur Optimisten und Leute die zur Untertreibung neigen, würden den Schnitt dieses.... Hemdes als figurumspielend bezeichnen.

    Aber: Moment mal!

    Weiße Hemden....

    Leute in weißen Klamotten...

    Nein! Nicht einfach irgendwelche weißen Sachen!

    Leute in weißen Uniformen!

    Irgendwas klingelt da! Ganz hinten!

    Na klar!


    Gestern Nachmittag sind wir doch an Bord der MS 1 gegangen. Eine blaue Reise sollte es sein. Endlich mal ein paar Tage raus aus diesem ganzem Pandemie-Wahnsinn.


    Und nun -so scheint es - bin ich wieder mittendrin. Zwar nicht in der Pandemie, aber zumindest im Wahnsinn.

    So langsam formen sich die Erinnerungen doch zu einem Ganzen. Die Poolparty!

    Dabei hatte es so schön angefangen!

    TUI hatte sich nicht lumpen lassen und ließ den Rose-Champagner - der sonst für nada nur den Suiten-Buchern vorbehalten war, sprudeln lassen.


    Und mit sprudeln lassen, meine ich nicht nur: sprudeln im Glas. Nein, nicht nur in den Kristallgläsern der Gäste auf dem Pooldeck perlte dieses edle Gesöff.


    Auch in den beiden Whirlpools blubberte es rosa und klebend um die Körper der Passagiere. Und selbst der 25-Meter Pool war bis zum Rand mit dieser Bourgeois-Brause gefüllt.


    Sänger und Tänzer stimmten die Passagiere nicht nur auf die vielen Höhepunkte dieser Reise, sondern auch auf den absoluten Höhepunkt dieses Abends ein: Die Begrüßung durch unseren Kapitän.


    Und kaum war das zweiundzwanzigste Lied verklungen - die Whirlpools waren zu diesem Zeitpunkt schon halb ausgetrunken - nahte auch schon dieser große Moment.


    Ein großer, stattlicher Mann mit - trotz seines Alters - immer noch strahlend blauen Augen und einem von den Wettern dieser Meere gezeichneten Gesicht, das jedem Passagier suggeriert: 'Mit mir auf der Brücke kommt ihr wohlbehalten auch durch den schwersten Sturm', betritt die Bühne.


    Einige Damen, die ganz vorn an der Bühne stehen, fallen in Ohnmacht und müssen von ihren Männern auf die Kabinen geschafft werden.


    Somit wird in Windeseile aus der zweiten Reihe die Erste und die besteht nun im Wesentlichen aus Omis, Uromis und Urgroßtanten. Also: nicht von IHM, sondern mehr so allgemein.


    Dieser doch ach so schnuckelige Mann in seiner schneeweißen Uniform da oben ist also unser Kapitän und es ist tatsächlich dieser Sascha H., der ja auch von anderen Passagieren auf dieser Reise schon gesichtet wurde.


    "Meine sehr verehrten Damen und Herren. Ich möchte mich kurz vorstellen: Ich bin ihr Kapitän auf dieser Reise und freue mich sehr, Sie an Bord unseres Traumschi...."


    Weiter kommt er nicht.


    Mit federndem Schritt springt ein drahtiger blonder Typ auf die Bühne.


    "Vom Achterdeck da komm ich her und ich kann euch sagen, da rappelt es sehr. Meine lieben Freunde hier auf dem Schiff und draußen an den Fernsehgeräten"


    '- häh? Was labert der da von Fernsehgeräten? -'


    "...ich darf euch heute Abend alle ganz herzlich begrüßen zu meinem großen Cocktaildeckfest meiner 100.000 Volksmusiklieder. Mein Name ist Florian S. ICH bin ihr Kapitän und diesen anderen Typen hier brauchen wir nicht. Ich habe mir heute Abend viele liebe Kollegen und Freunde eingeladen. Leider haben sie es nicht mit mir auf diesen Kahn der feuchtfröhlichen Kreuzfahrer geschafft. Daher werde ich heute alle Lieder selber singen."


    Na Prost! Jetzt weiß ich auch, warum die hier so viel Champus angekarrt haben.


    Sich die Situation hier schönsaufen, scheint mir echt die einzige Alternative zu sein.


    Und schon hebt er an zu seiner ersten Darbietung und die Omis an der Bühne da vorne sind nun kurz vorm Ausflippen.


    Währenddesssen habe ich mich aus der tobenden Masse etwas zurückgezogen und stehe nun mit meinem Getränk am hinteren Ende des Pools. Nicht weit neben mir steht traurig dieser Sascha H. und sinniert wohl darüber, wie vergänglich der Ruhm auch auf hoher See ist, wenn man nicht ins Drehbuch passt. Im Ergebnis seiner Überlegungen steigt er dann in den Pool.


    Einfach so.


    Einfach so wie er ist.


    Mit Uniform und traurigen Augen.


    Er nimmt einen kräftigen Schluck und geht dann unter.



    Inzwischen geht rund um die Bühne die Schlagerbuuumpost ab. Der Flori lässt wirklich nichts aus. Ohne Sicherung klettert er die Bühne hoch, weiter auf den Schornstein.


    (Glücklicherweise hört man von da oben die Singerei nicht so sehr.)


    Dann balanciert er auf einem unsichtbaren Seil diagonal über das Deck. Dabei schlägt er noch Salti und springt durch einen Feuerreifen. Die Begeisterung kennt keine Grenzen. Wo soll das noch hinführen?


    Neben mir steht eine rüstige ältere Dame mit einem Spazierstock. Sie wirft einen mitleidigen Blick auf den Beckenboden. Also: Nicht auf meinen oder ihren, sondern auf den des Pools.


    "Der arme Junge", seufzt sie.


    Sascha H.'s Körper folgte inzwischen der Physik und treibt nun wieder an der Oberfläche.


    Wie aus dem Nichts steht auf einmal dieser Florian S. neben uns.


    „Ach der“, winkt er in Richtung der treibenden Gestalt mit selbstherrlicher Geste ab, „der ist doch hier nur als Deckoffizier!“


    „Ja, genau!“, mischt sich die Omi mit schriller Stimme nun wieder ein.


    „DECKoffizier! Wegen dem hab ich hier überhaupt nur gebucht und das hat mir Neckar-Mädel-Reisen auch genauso zugesagt! Mein Termin ist morgen halb fünf und auf dem bestehe ich!“


    Um dem ganzen etwas Nachdruck zu verleihen, stampft sie mit ihren Stock entschlossen auf.


    Mit einem gurgelnd-würgenden Geräusch sinkt Sascha H. wieder auf den Boden des Pools und rollt sich dort zusammen.


    Der Rest des Abends ist schnell erzählt:


    Es endete damit, dass dieser Sascha H. verzweifelt versuchte, durch den Poolablauf zu entkommen und bevor er bei diesem Versuch endgültig ertrank, bin ich zusammen mit der Omi und unzähligen anderen Passagieren rein in diesen Champus-Pool und wir haben ihn leergetrunken.


    Die Klamotten konnten wir anschließend abschreiben und ein geordneter Rückzug auf die Kabine war auch nicht mehr möglich. Ich erinnere mich nur noch dunkel, dass die Omi mich irgendwann über die Flure bugsierte und mir mit den Worten "Hier Mädel, zieh das an. Ich brauch's ja ab morgen nicht mehr" ihr Nachthemd anzog. Dabei lächelte sie diabolisch.


    Oh Mann! Ich hab sowas von Kopfkino!!!


    Ende Tag 1

    LG Joean

    Herzlich Willkommen, liebe Foris!

    Ich freue mich, dass ihr den Weg hierher gefunden habt. Möglicherweise fragt ihr euch ja gerade, in welchem Thread des Forums ihr nun gelandet seid.

    Diese Frage ist leicht zu beantworten: In einem bisher ziemlich Unterbewerteten, nämlich!

    Nur ganz knapp vor das Impressum hat es dieser Teil des Forums geschafft. Die meisten von euch werden noch nie so weit heruntergescrollt haben.
    Das wird sich aber ab sofort ändern - so viel kann ich euch schon mal versprechen!

    Und warum kann ich das? Auch diese Frage ist leicht zu beantworten:

    Weil ich meine Finger nicht bei mir behalten kann. Sie fühlen sich einfach auf einer Tastatur am wohlsten.

    Im Verlaufe dieses Sommers, in dem es die meisten von uns zwangsläufig an Urlaubsorte verschlug, von deren Existenz wir Anfang des Jahres noch nichts ahnten, stieß ich durch Zufall auf den"Speziellen Reisebericht MS 2" unseres Foris Suite31 .


    Beim Lesen seines Berichtes wurde mein Schmunzeln immer breiter. Das nannte ich doch mal eine geniale Idee!

    Allerdings bedauerte ich sehr, dass seinem Bericht unterwegs dann irgendwie die Luft ausging. Und was würde wohl noch alles auf der MS 2 passieren können, wenn ich auf dieser Reise dabei gewesen wäre?
    Ohne, dass es mir wirklich bewußt war, fing es in mir an, zu gären.

    Lange, sehr lange.

    Erschwerend kam dann noch hinzu, dass auch wir von der Absage der blauen Reisen ab Kiel im November betroffen waren. Was hatten wir uns schon vorgefreut auf die Künstler von Schmidts Tivoli, die an Bord sein sollten. Was hatten wir uns vorgefreut auf die angekündigte Eislaufbahn. Aus all dem sollte dann doch leider nichts werden.

    Nicht, dass ich zwingend zu dieser Reise einen Bericht hätte schreiben wollen, aber gedanklich .........................

    Und eines Tages fand ich mich dann tatsächlich vor dem Computer wieder.

    Und dann: hatten meine Fingerchen alle Mühe mit den Ideen in meinen Kopf Schritt zu halten...

    Man kann - bevor man mit meiner Geschichte beginnt - die Schilderungen von Suite31 lesen, aber es ist nicht Bedingung. Allerdings erklärt sich dort möglicherweise das Auftauchen der einen oder anderen handelnden Person in meiner Geschichte, die den Titel:

    Spezial-Reisebericht von der MS 1 Ende November 2020 oder: "Vorsicht bei Zusatzleistungen"

    tragen wird.


    Ach - und eine Bitte habe ich noch: Legt nicht jedes Wort auf die Goldwaage! Und seid etwas großzügig - bei meiner einen oder anderen "dichterischen Freiheit". 


    LG Joean


    Und über einen Tipp wie die Influenza-Dame Miss WP im Netz zu finden ist, würde ich mich auch freuen, man soll ja immer beide Seiten kennen ...

    Liebe Joni, dies hieße ja, in diesem Forum hier Werbung für einen anderes Online-Reisebüro zu machen - das werde ich mir verkneifen, da Peter darüber sicher nicht begeistert wäre.

    Aber wer bei FB ist und auf der Seite des Veranstalters dieser Reisen etwas "rumsucht", der würde fündig werden.

    LG Joean

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    So gegen 13:30 Uhr geht es dann für uns wieder zurück zum Schiff. Nach dem Mittagessen lerne ich dann noch etwas ganz Praktisches: Krabben pulen. 6 Liter (nicht kg!) frische - wirklich frische - Krabben wurden beim letzten Krabbenfischer von Hooge erworben. Also sitzen bald alle einträchtig da und brechen diesen Kleingarnelen den Panzer - mit mal mehr, mal weniger Erfolg. Man kann sich echt hungrig essen - und eine Mahlzeit für vier Personen artet hier wirklich in Arbeit aus. Aber welche Alternative hat man schon, wenn man auch kein Freund der "Säurevariante" ist?


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    Für den Nachmittag steht noch ein Vortrag von Martin über den "Vogelzug" auf dem Programm. Es ist wirklich erstaunlich, was so ein kleiner Vogel zu leisten imstande ist. Die Küstenseeschwalbe z.B. fliegt jedes Jahr von der Arktis in die Antarktis und legt dabei rd. 30.000 Kilometer/Jahr zurück. Und dieser Vogel kann dabei locker 30 Jahre alt werden.


    "Und jetzt rechnet das mal hoch und schaut mal, wie fit euer Auto noch ist." Recht haste, Martin!


    Voraussetzung für eine solche Flugleistung sei immer ein guter Energiezustand des Vogels. Das Tier muss dafür einen starken Brustmuskel und große Fetteinlagerungen haben.

    'Da sieht man mal wieder, wie total ungerecht es in der Natur zugeht! Ich hab beides, aber fliegen kann ich trotzdem nicht.'


    Für den frühen Abend wird von Chris dann noch einmal eine Zodiac-Fahrt in Aussicht gestellt. Die MS Quest wird dafür an Hooge vorbei hoch nach Amrum, zu einer Kniepsand-Wanderung, fahren. Vorsorglich wird von ihm darauf hingewiesen, dass es beim Aussteigen aus den Schlauchbooten etwas nass werden könne, da möglicherweise die Zodiacs nicht bis ganz an den Strand heranfahren könnten.

    Nicht nur wir, auch andere Reisende lehnen dankend ab. Und im Nachhinein stellte sich das auch als gute Entscheidung heraus.

    Tatsächlich war es dann wohl so, dass "etwas nass" die Untertreibung des Tages war. Bis zum Bauchnabel habe sie beim Aussteigen im Wasser gestanden, berichtet eine Dame. Und bei 13°C Lufttemperatur danach dann noch 1 Stunde in den nassen Klamotten zu laufen, fand sie wohl auch nicht so prickelnd.

    Na, da hat es der gute Chris doch wieder geschafft.

    'YESSSS!', wird er sich gedacht haben. 'Ich krieg euch alle nass!'



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    Spät am Abend verabschiedet sich dann das Expeditionsteam von uns. Unter anderem kommt dabei folgender Satz vor (Zitat): "Wenn ihr es nicht so gut fandet, schickt eure Feinde vorbei und freut euch, wenn sie völlig nass werden."

    Ich bin mir inzwischen sicher, hier gibt es ein prinzipielles Verständnisproblem - mehr dazu vom mir im Fazit.


    Wir sind inzwischen schon wieder in der deutschen Bucht unterwegs und streben der Elbmündung entgegen.

    Am nächsten Morgen bin ich schon vor 06:00 Uhr auf dem Außendeck unterwegs. Wenn es nicht so kalt, zugig und wolkenverhangen gewesen wäre, hätte ich dieses Mal die Einfahrt in den Hamburger Hafen direkt am begehbaren Bug von MS Quest erlebt.


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    Die Dauer der Fahrt nach Steinwerder kann ich nun aber doch mal mit meinen Überlegungen zu einem abschließenden Fazit füllen:


    Zunächst einmal zum Hygienekonzept…

    Alle Passagiere waren angehalten einen MNS zu tragen, sofern sie ihre Kabine verlassen und sich im Schiffsinneren bewegen. Hatte man beim Essen oder in der Panorama-Lounge seinen Platz eingenommen, konnte der MNS abgenommen werden. Vor Betreten des Restaurants wurde jedes Mal Fieber gemessen. Desinfektionsmittelspender fanden sich vor dem Restaurant, vor der Lounge und beim Betreten des Schiffes, wenn man vom Zodiac kam.

    Hätte man Kontakt mit „anderen“ Touristen (nicht vom Schiff) gewollt, hätte man ihn aktiv suchen müssen. Der zeitliche Ablauf und die Art der Ausflüge waren derart geplant, dass ein Zusammentreffen mit „Fremden“ eigentlich gar nicht vorkommen konnte.

    Im Restaurant wurden nur Leute an einen Tisch gesetzt, die auch zusammen die Reise gebucht hatten. Jeder hatte für die Dauer der Reise seinen festen Platz.


    und nun zur Reise:

    Hier weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll. Die Idee dieser Schiffsreisen im Wattenmeer ist so genial wie einfach. Man fragt sich unwillkürlich, wieso bisher noch niemand darauf gekommen ist. Bei der Zusammenstellung (Tiere, Watt und Hallig) ist wirklich für jeden etwas dabei. Und ganz besonders toll ist es natürlich, wenn die Ausflüge vor Ort von der Schutzstation Wattenmeer oder ähnlichen Organisationen begleitet werden.

    Eigentlich waren wir ja nur 3 Tage + Stunden auf MS Quest – aber es kam uns wesentlich länger vor. Was wir erlebten, war so intensiv, dass es irgendwie die Zeit dehnte.


    Wir sind uns schon darüber im Klaren, dass – sollte sich im nächsten Sommer die Corona-Reisesituation entspannt haben – wir hier etwas ziemlich Einmaliges erlebten. Denn für Reisen ins Wattenmeer braucht es unbedingt auch geeignete, kleine Schiffe und die sind im Normalfall ja im Sommer in anderen Gefilden unterwegs.


    Aber was nicht ist, kann ja noch werden, denn Fakt ist auch: Wir waren Teil eines Testballons von Reeder Sven Paulsen. Dieser Mann, der selber schon Mitglied der Pan Frisian Expedition im Wattenmeer war, hat eine „Nase für Nischen“. Und Expeditionen vor unserer Haustür sind so eine Nische. Eine exklusive Nische – ohne Frage. Aber gerade für neue Ideen wie diese bot sich dieser Sommer an – einfach mal schauen was geht, war die Devise.


    Vielleicht mag es deshalb auch nachrangig sein, ob die MS Quest ihre kurze Saison in deutschen Gewässern mit einem messbaren wirtschaftlichen Gewinn abschließen wird oder nicht. Wäre sie gar nicht gefahren, wie so viele andere Schiffe auch, würde sich die „Gewinnfrage“ überhaupt nicht stellen. Bei diesem Projekt ging erst wohl erst mal um andere Punkte: Interessieren sich die Leute überhaupt dafür? Welche Zielgruppen würden sich angesprochen fühlen?

    Was mich gleich zum nächsten Thema bringt…


    Passagierstruktur:

    Ich hatte es eingangs schon erwähnt: das überschaubare Kreuzfahrtangebot dieses Sommers bettelte förmlich um die Anwesenheit der Vlogger-Blogger-Gemeinde, weil es schlicht kaum ein anderes Thema gab. Und habe ich vorwiegend Leute diesseits der vierzig an Bord, dann kann der Expeditionsleiter schon mal auf die irrige Annahme kommen, er sei hier auf Klassenfahrt oder Jugendfreizeit.


    Dauerhaft wird sich so aber ein Schiff nicht füllen lassen. Schon aufgrund des notwendigen Preisniveaus für diese Art zu reisen, dürfte es schwierig bis unmöglich sein, so ein Schiff auf so einer Reise wiederholt mit Leuten unterhalb des Rentenalters oder gar Familien mit Kindern zu belegen.


    Wie sich die Passagierstruktur bei uns zusammensetzte, habe ich weiter oben schon mal erwähnt. Interessant war für mich auf jeden Fall, dass die allermeisten Mitreisenden keinerlei Erfahrung mit größeren Kreuzfahrtschiffen hatten. Hurtigruten war größenmäßig so das höchste der Gefühle. Und eine Dame war mal auf MS Hamburg unterwegs. Ein klein wenig wurden wir bestaunt, wie Außerirdische und jemand fragte uns mal: “Finden Sie es nicht furchtbar voll auf diesen großen Schiffen?“


    Ich fand es zumindest auch sehr angenehm auf diesem kleinen Schiff.


    Wenn wir eins nicht haben, dann sind das irgendwelche Berührungsängste oder Ressentiments für oder gegen eine Reederei bzw. einen Veranstalter.

    Manchmal hab ich schon so gedacht, dass Göga und ich im Kreuzfahrtsegment das sind, was David Garrett in der Musik ist – so eine Art „crossover“.


    Und so möchte ich dann noch mal zurückkommen auf den Untertitel dieses Reiseberichts: Wege entstehen eben wirklich erst beim Gehen, aber um's loslaufen kommt man nicht drumrum.


    In diesem Sinne…

    LG Joean

    06.09.2020 Hallig Hooge


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    Am nächsten Morgen liegen wir dann vor Hallig Hooge auf Reede. Heute gibt es für die Passagiere zwei Möglichkeiten. Zum einen kann man eine erneute geführte Wattwanderung zum Japsand unternehmen (ca. 4 Stunden) oder man entscheidet sich für eine geführte Inselwanderung auf der Hallig.


    Watt hatten wir gestern und wann kommen wir schon mal wieder auf eine Hallig. Also fällt unsere Wahl auf die Inselwanderung und wir gehen mit einer jungen Frau (deren Namen ich leider vergessen habe) und die auf der Hallig ihr ökologisches Jahr absolviert auf eine wirklich wahnsinnig interessante Tour.


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    Vorbei an der Backenswarft geht es erst mal Richtung Kirchwarft. Hallig Hooge ist rd. 5 km² groß und würde man einmal rundrum laufen, wäre man gut 12 km unterwegs. Rund 100 Einwohner verteilen sich hier auf 10 bewohnte Warften.


    Die Ockelützwarft - von den Hiesigen nur Schulwarft genannt - beherbergt den Kindergarten mit aktuell 3 Kindern, die von 2 Erzieherinnen betreut werden. Ein geradezu paradiesischer Personalschlüssel. Gleich daneben befindet sich die Schule der Hallig. Hier lernen z.Z. 12 Kinder mit einer Lehrerin bis zur 9. Klasse. Alles was danach kommt, muss auf dem Festland absolviert werden.


    Am Seglerhafen machen wir kurz Station und bekommen eine dieser Anekdoten erzählt, die ich bei solchen Führungen so liebe. Anfang März 1888 starb Kaiser Wilhelm I. Weil aber der Winter sehr streng und das Eis sehr dick, war Hooge quasi von der Außenwelt abgeschnitten.

    Das hinderte die Halligbewohner aber nicht daran, am 22. März fröhlich den 91. Geburtstag des inzwischen schon verstorbenen Kaisers zu feiern, in den Glauben er sei noch am Leben. Irgendwann im späten Frühjahr setzte dann das Tauwetter ein und die Nachricht über diese Feier verbreitete sich auf dem Festland. Der neue Kaiser Wilhelm II. war über diese Feierlichkeit alles andere als amused und fand, dass so etwas ins seinem deutschen Reich nicht vorzukommen habe. Daraufhin wurde dann ganz fix - noch lange vor 1900 - ein Telefonkabel für das Pastorat auf Hooge verlegt. Merke: Auch, wenn eine Gegend den Eindruck erweckt, als läge sie am Ende der Welt, muss das noch lange nicht so sein.


    Vielleicht wäre das Ganze auch eine Idee für die Gemeinden in Deutschland, die aktuell dem Breitbandausbau immer noch hinterherlaufen - man könnte z.B. einfach immer weiter den Geburtstag des verstorbenen Altkanzlers Kohl feiern und dies mit dem lahmen Internet begründen.


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    Wo ich gerade meinen eigenen Text nochmal durchlese: Wusstet ihr, das Hallig Hooge jahrelang die höchste Kneipendichte pro Kopf in ganz Norddeutschland hatte? Ja, kein Scherz! Dann aber machte eine der beiden Kneipen zu und schwups - war Hamburg wieder vorne.


    Genau mitten auf dem Weg zwischen Ockelützwarft und Hanswarft öffnet der Himmel alle seine Schleusen. Unser Grüppchen steht mitten im Nichts. Es gibt nirgends auch nur die kleinste Möglichkeit, sich irgendwo unterzustellen. Und da der Regen hier nicht nur von oben, sondern auch von allen Seiten kommt, ist es eine prima Idee gewesen, heute meinen Friesennerz anzuziehen. Danke, Chris!


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    Für alles unterhalb der Knie kommt aber leider auch hier jede Hilfe zu spät. Egal ob Gummistiefel oder Wanderschuhe, Wasser sucht sich seinen Weg. Es läuft da rein, wo noch Platz ist. Irgendjemand hat Sandalen an - sehr praktisch! Da läuft's dann vorne rein und hinten wieder raus.


    Auf der Hanswarft endet dann auch unsere Führung und wir entern erstmal die Teestube. Apropos Tee: Trinkwasser auf einer Hallig war früher auch so ein Problem. Wasser rundrum war ja genügend da, nur Trinkwasser musste damals mühsam bei jedem Regen aufgefangen und dann in Brunnen gelagert werden. Lief Meerwasser in diese Brunnen z.B. während einer Sturmflut, war das kostbare Trinkwasser unbrauchbar.

    Seit jeher gab es auf den Halligen ein untrügliches Unterscheidungsmerkmal: War das Wasser klar - konnte man also durchsehen -, dann war es Meerwasser = ungenießbar. War das Wasser gelblich, abgestanden und trüb, dann war es aus dem Brunnen = genießbar. Als dann in den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Halligen an die Trinkwasserversorgung angeschlossen wurden, weigerten sich die "Alten", das Wasser aus dem ominösen neuen Hahn zu benutzen. Das konnte ja gar nicht gut sein! Das Wasser war ja klar und sah damit so völlig anders aus als gewohnt!

    Und so erzählt man sich noch heute, dass damals die jüngeren Halligbewohner den Alten immer Teebeutel in die Wasserleitungen stopften. Damit wurde das Trinkwasser irgendwie gelblich, sah aus wie früher - und die Alten waren zufrieden.


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    weiter ganz ohne Link gleich im nächsten Beitrag...

    ...

    Tja, und dann macht Geschichte das, was sie immer macht. Sie nimmt ihren Lauf und wir geraten zwischen die Mühlräder sich aneinander reibender Eitelkeiten. Unser Schlauchboot wird natürlich von Chris gesteuert - dem Expeditionsleiter. Seit gestern weicht er kaum von Miss WP's Seite - immer mit der Mission: 'Ich bin der coolste Expeditionsleiter aller Zeiten. Sag das der Welt. Ja, sag das der Welt.'


    Und sag es möglichst so, dass es Hapag Lloyd hört!

    Gestern Abend hat er nämlich noch etwas aus dem Nähkästchen geplaudert und dabei mehrfach erwähnt, dass er die neuen HL-Schiffe für das Beste hält, was aktuell auf dem KF-Expeditionsmarkt zu finden sei. Da ist jemand ganz offensichtlich bereit für Veränderungen und hätte nichts gegen ein paar positive Referenzen.

    (Einwurf vom 30.09.2020: Nachdem ich meinen RB fertig geschrieben hatte, habe ich dann doch etwas auf Miss WP’s Website gestöbert und kann bestätigen, dass ihr Bericht eine einzige Hymne auf unseren lieben Chris ist.)


    Und Miss WP: - sie sonnt sich in ihrem Influenza-Status und räkelt sich - im übertragenen Sinn - auf dem Rücken ihrer Follower. Und wir - wir sitzen buchstäblich im falschen Boot.


    Am Anfang ging‘s ja noch und das es spritzt auf so einem Schlauchboot ist uns auch klar. Aber dann dreht der gute Chris so richtig auf. Gasgriff bis an den Anschlag damit das Boot vorn so richtig schön hochkommt und dann aber jede Welle voll drüber.


    Immer wenn das Zodiac dann aus seinem Luftsprung wieder auf dem Wasser aufschlägt ist es, als würde von außen jemand einen 10-Liter-Eimer über mir ausschütten.


    Als wir am Anleger ankommen, sind wir beide ziemlich nass. Insbesondere meinen Mann hat er gründlichst erwischt. Göga hat nasse Haare, seine Softshelljacke ist klatschnass, das T-Shirt darunter ist durch, die Haut auf dem Rücken ist nass. Die Hose trieft – man könnte sie auswringen, die Büx ist nass (Achtung! nur vom Meerwasser!).

    Das einzig halbwegs trockene an ihm sind Socken und Schuhe.

    Er ist stinksauer! Trotzdem formuliert er noch relativ höflich und fragt, ob es denn wirklich nötig gewesen wäre, SO zu fahren.


    Ich denke mir: 'Klar war das nötig! Alles andere wär ja nicht cool genug.'

    Und kaum ab ich das gedacht, kommt auch schon von unserem personifizierten Größenwahn der Schlauchboot fährt, die patzige Antwort: "Ich habe euch doch schon am ersten Tag gesagt, wir werden euch nass machen."

    'Ja, hast du. Aber sagen und tatsächlich machen sind dann doch zwei unterschiedliche Seiten einer Medaille.'


    Das wirklich ärgerliche an dieser Geschichte ist nicht, dass wir zum Opfer überheblicher Selbstdarstellung wurden, sondern dass wir in diesen nassen Klamotten nun die nächsten Stunden aushalten müssen.

    Bis zur Abfahrt der "Rosa Paluka" ist noch massig Zeit, die wir versuchen, vorwiegend draußen zu verbringen, da wo es leicht windet, aber nicht unbedingt zieht. Wir versuchen irgendwie trocken zu werden, ohne uns zu erkälten.


    Möglicherweise wäre ich ja nicht so sauer gewesen, wenn wir zwei oder drei Wochen früher unterwegs gewesen wären, denn da hatte es auch auf Sylt noch gute 25°C.

    Bei 16° C sieht dann für mich die Sache anders aus.


    Um 16:00 Uhr sind dann auch alle anderen Mitreisenden wieder da, um mit uns auf der für die Reisenden der MS Quest reservierten "Rosa Paluka" zu einer Fahrt zu der Seehundbank unterhalb des Lister Ellenbogens zu starten. Da der Wind heute Nachmittag dann doch noch etwas zugelegt hat, ist das für die Kitesurfer natürlich ideal.


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    Zwischendurch wird auch mal das Netz zu Wasser gelassen und ein junger Mann moderiert auf ausgesprochen launige, aber auch sehr interessante Art und Weise den Fang des heutigen Nachmittags. Dabei lerne ich dann kurzzeitig weibliche und männliche Krebse zu unterscheiden - kurzzeitig deshalb, weil ich es inzwischen leider schon wieder vergessen habe.


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    Auch um das allseits so beliebte Krabbenbrötchen geht es. Darum, dass die Krabbe an sich ja schon ca. 8 Wochen Transportweg hinter sich hat, bevor sie überhaupt auf dem Brötchen landet. Wurde sie früher zum Pulen mit LKWs durch Europa bis nach Marokko gekarrt, so hat sich der Transport in das afrikanische Land inzwischen auf den Seeweg verlagert. Und der dauert natürlich. Macht aber nix. Mit genügend Konservierungsstoffen und Eis hält die kleine Krabbe auch das locker durch.

    Wer übrigens noch denkt das Krabben deshalb in Marokko gepult werden, weil dort die Arbeitslöhne so gering sind, irrt gewaltig. Krabben werden auch dort nicht mehr gepult, sondern gelöst und gerüttelt. Gelöst mit jeder Menge Säure, deren Einsatz in der EU verboten ist und bewirkt, dass sich das Fleisch vom Panzer löst und in großen Maschinen gerüttelt, damit das dann Gute links ins Töpfchen und der Panzer rechts ins Kröpfchen fällt. Dann noch gut spülen, damit die Grenzwerte wieder stimmen und zurück in die EU. Na, hat noch wer Hunger?


    Zurück im Lister Hafen warten schon die Zodiacs auf uns. Für abends um 19:00 Uhr wird eine weitere Zodiac-Fahrt mit einer "Überraschung für die Fitten" angekündigt. Mehr wird nicht verraten.


    Diesmal greifen wir aber auf jeden Fall auf die Friesennerze zurück! Beim Besteigen der Zodiacs sind wir sehr zurückhaltend und wir sitzen dann in dem Boot, welches von Antony - einem philippinischen Crewmitglied - gesteuert wird. Dieser Mann versteht sein Handwerk und er hat kein Interesse daran, sein Testosteron an den Passagieren auszuleben.

    Absolut trocken erreichen wir nun zum dritten Mal an diesem Tag den Anleger im Lister Hafen und marschieren strammen Schrittes los. Ziel: Überraschung.


    In einem großen Bogen geht es dann über die Hafenstraße, an der Tankstelle rechts rum über die Listlandstraße und die Alte Dorfstraße bis zur Ecke am "Alten Gasthof". Dort bricht dann große "Verwirrung“ aus und Chris tut so, als wisse er den richtigen Weg nicht mehr. In Sichtweite befindet sich nun wieder das Naturgewaltenzentrum in der Nähe des Hafens und auch ohne große Ortskenntnis ist mir klar, dass wir bisher einen Riesenumweg gemacht haben. Während wir dann alle auf der Kreuzung gegenüber dem "Alten Gasthof" rumstehen und Chris telefoniert, sehe ich keine Veranlassung auch noch mein Handy rauszuholen und irgendwie Tante G zu befragen. Wie auch, wenn ich das Ziel nicht kenne.


    Und während wir da alle noch so an der Kreuzung rumlungern, taucht auf dem Parkplatz des Gasthofes Thomas Anders auf.

    Ja, genau der. Nur ohne Nora. Die Anwesenheit des Kettchens konnte ich auf die Entfernung nicht verifizieren. Hier iss eben List, da kriegt man was geboten!


    Ich seh den Mann, ick guck ein zweites Mal hin: nee - kein Irrtum. das isser wirklich. Damit hat sich's dann aber auch bei mir.

    Ganz anders Miss WP. Schnurstracks sprintet sie diagonal über die Straße und wedelt wild mit dem Handy. Versuchen wir mal, die Sache positiv und zu ihren Gunsten zu sehen und denken uns, dass sie ihn nur nach dem Weg fragen will. Dies würde allerdings voraussetzen, dass sie unser Ziel kennt. ;)


    Weiter geht es dann im Sturmschritt über Am Brünk und die Mövenbergstraße und Chris informiert nun, dass wir zur Aussichtsplattform am Weststrand unterwegs sind. Dort wäre der Sonnenuntergang ganz besonders schön zu bewundern. Dumm nur, dass wir aufgrund des Umwegs erst dort ankommen werden, wenn die Sonne schon untergegangen ist. Darüber hinaus ist der Himmel heute Abend aber leider stark bedeckt. Sonnenuntergang: Fehlanzeige.


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    Am Aussichtspunkt geht es dann 184 Stufen über die Dünentreppe nach oben. Dort warten Mandy und die Hoteldirektorin der MS Quest mit warmen Kakao auf die Überlebenden.

    Einige unserer Mitreisenden sind zu diesem Zeitpunkt schon wirklich platt und hätten sich im Vorfeld etwas mehr Information über die "Überraschung" gewünscht.

    Die Passagiere dieser Reise sind (außer uns und Miss WP samt Anhang) alle zwischen 65 und 75 Jahre alt. Und auch wenn dies eine Expeditionsreise ist, sollte vielleicht in der Planung der Aktivitäten die Altersstruktur der Gäste doch etwas berücksichtigt werden.

    Ich kann die notwendige Fitness von Vlogger-Bloggern in den Dreizigern nicht 1:1 auf mindestens 30 Jahre ältere Gäste übertragen. Meine Meinung. Einige Mitreisende nehmen daher auch gern das daraufhin improvisierte Angebot an, mit dem "Kakaotransport-KfZ" wieder zum Lister Hafen zurück zu fahren.


    Auch wir laufen dann auf dem direkten Weg wieder zurück zum Hafen. Trotzdem - auch ohne Umwege - ein Marsch von rd. 50 Minuten.


    Als es dann an die Aufteilung der Leute auf die Zodiacs geht, ruft Chris zu uns rüber: "Ihr wollt doch bestimmt wieder mit Antony fahren."

    "AUF JEDEN FALL", ist unsere nachdrückliche Antwort.


    Als wir dann im Zodiac sitzen, lässt es sich Chris nicht nehmen, nochmal nachzulegen und spricht meinen Mann direkt an: "Morgen nehme ich Dich nur mit, wenn Du ordentlich mit Friesennerz und Regenhose angezogen bist"

    Howgh - der Drill Instructor hat gesprochen. X(


    Muss ich noch erwähnen, dass Antony es wieder mühelos schafft, uns trocken zur MS Quest zurück zu fahren? Dort beginnt dann eine erneut sehr schauklige Nacht mit unserer Fahrt zur Hallig Hooge.

    und direkt weiter nach Hooge...

    05.09.20 List / Sylt


    In dieser Nacht geht es weiter nordwärts Richtung Sylt. Der Plan ist, dass wir Mitternacht dann auf der windgeschützten Seite vor List liegen werden. Seitens der Expeditionsleitung werden wieder die Tabletten angepriesen. Wir bleiben standhaft.


    Ich hab ja eigentlich gedacht, dass wir schon manches an Seegang erlebt haben, aber auf so einem kleinen Schiff ist das echt nochmal eine ganz andere Nummer. Das Schiff rollt wirklich stark von backbord nach steuerbord und GsD auch wieder zurück. Und da wir quer zur Fahrtrichtung schlafen, haben wir das „Vergnügen“, dass wenn unsere Jolle nach backbord kippt, wir im Bett 5 cm Richtung Fußende rutschen und wenn sie dann wieder nach steuerbord schlägt, wir die 5 cm wieder Richtung Kopfende rutschen. Das hab ich in der Form echt noch nie erlebt!

    Aber uns geht’s gut und die Schaukelei tut der Vorfreude auf Frühstück und Wattwanderung keinen Abbruch.

    Auch in List haben wir im Hafen einen abgesperrten Bereich für die Zodiacs.


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    Unsere Friesennerze lassen wir bei den Zodiacs zurück. Wir vertrauen einfach mal darauf, dass es heute nicht regnet. Dazu kommt noch, dass ich dieses Ding bei einer Wattwanderung auch irgendwie hinderlich finde. Wir treffen Sarah vom Naturgewaltenzentrum Sylt und starten zu unserer exklusiven Austernwanderung.


    Dazu nehmen den Bus und steigen an einer Station aus, deren Namen ich nicht nennen darf.

    Dann gehen wir zwischen den Häusern eine schmale Straße entlang, deren Benennung ich sofort wieder vergessen musste nur um dann an einen Strandabschnitt zu kommen, den ich auf keinen Fall fotografieren darf.

    Und das alles, weil hier die Austernbänke von Dittmeyer's Austern-Compagnie liegen. Hier wird die gute "Sylter Royal" gezogen. Übrigens steht das „Fotografieren verboten“-Schild wirklich mitten im Meer.

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    Zu sehen ist ja noch nix, also laufen wir erst mal los – dem Wasser hinterher. Leider ist es so, dass heute auch bei Ebbe das Wasser einen knappen halben Meter höher stehen wird als normal. Dies hängt wohl mit der Windrichtung des Sturmes der letzten Nacht zusammen.


    Auf dem Weg dahin erfahren wir von Sarah jede Menge Interessantes über die Auster an sich, über Wattwürmer, Herzmuscheln und die anderen Millionen Bewohner jedes einzelnen Quadratmeters Wattenmeer. Ja, es sind pro m² wirklich mehrere Millionen Lebewesen – ich musste auch zweimal hinhören.

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    Letzten Endes schaffen wir es aber doch noch bis zu den Austernbänken, obwohl das Wasser heute wirklich ganz schön hochsteht.


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    Dann geht es aber wieder zurück in die grobe Richtung List und als wir dann das von der Austern-Compagnie belegte Gebiet (das übrigens seeehr weitläufig ist) verlassen haben, dürfen wir selber auf die Suche nach DER Sylter Muschel gehen.

    Am erfolgreichsten ist man dabei im gut knöchelhohen Wasser. Die beiden Exemplare, die ich ganz stolz zu Sarah trage werden von ihr abgelehnt: „Die ist noch zu klein und die ist mit einer anderen Auster genau an der Stelle verwachsen, wo ich mit dem Messer reingehen muss.“
    „Na toll!“

    Das Schöne ist ja, dass man die Dinger dann einfach da fallenlassen kann, wo man gerade steht. Sehr praktisch – so ein Watt!

    Andere Mitreisende haben mehr Glück und bekommen von Sarah ihre Beute geöffnet.

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    Das ist der Moment, an dem Miss WP geistig wieder zur Gruppe stößt. Bisher war sie zwar anwesend, aber ungefähr 80% der Zeit waren Blick und Daumen mit dem Smartphone beschäftigt. Bloß keinen Follower verpassen! Aber möglicherweise ist sie ja auch supermegamultitaskingfähig und kann laufen, zwitschern und zuhören gleichzeitig.


    Obwohl: Während ich das so schreibe, wird mir klar, dass ihre plötzliche Aufmerksamkeit nur Mittel zur Auster war. Miss WP braucht Sarah, damit sie ihr eine Muschel öffnet! Und keine zwei Meter neben uns wird dann das Verschlucken dieser Auster zum medialen Ereignis, das im Moment des Geschehens um die Welt geht…


    Sie hat einen Kumpel oder Kollegen – wer weiß das schon? – mit, der diesen ergreifenden Moment festhalten soll. „Soll ich mich so hinstellen?“

    „Nein, da ist Gegenlicht.“

    „So rum?“

    „Dann macht dein Arm einen Schatten auf dein Gesicht. Kannst du die Auster nicht in die andere Hand nehmen?“ „So?“

    „Nee, lass mal. Dreh dich mal ganz rum. Dann haben wir die Häuser im Hintergrund.“

    „Hallihallohallöle, hier ist wieder eure ... Wir sind hier auf einer gaaaanz tollen Austernwanderung. Und ratet mal, was ich hier habe!“

    Das ist der Moment, wo ich gern so seitlich ins Bild springen und ganz laut, aber leicht angeekelt „Boah, watt krabbelt denn da in der Auster?!“ rufen möchte. Ich beherrsche mich – und frage mich bis heute, wie sie reagiert hätte.

    Langsam kommt unser Trüppchen wieder näher nach List.


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    Dort warten im Hafen schon die Zodiacs auf uns, die uns heute mal für ein Mittagessen zurück zum Schiff bringen. Lange ausruhen ist aber nicht! Unser Programm hält noch einiges bereit.


    Der nächste „offizielle“ Programmpunkt wäre erst um 16:00 Uhr, aber wer vorher schon ein Stündchen durch List bummeln will, kann auch gern jetzt schon ein Zodiac nehmen. Und so treffen wir eine – eigentlich mehrere - verhängnisvolle Entscheidungen…

    Wir entscheiden uns für die Fahrt mit dem „frühen“ Zodiac und treffen am Ausgang auf Miss WP samt Anhang. Und da die Wetterprognose für den Nachmittag ganz gut aussieht, wollen wir uns nicht mit den Friesennerzen belasten und verzichten dieses Mal darauf.

    Tja, und dann macht Geschichte das, was sie immer macht. Sie nimmt ihren Lauf...

    wie's wohl weiter geht?...


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    Mit einem kurzen Besuch auf dem Friedhof der Namenlosen geht es dann wieder mit dem Börteboot rüber zur Hauptinsel und von dort nach insgesamt 18.437 Schritten mit den Zodiacs zurück zum Schiff.

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    Abends gibt es dann in der Panaroma-Lounge noch von Mandy einen Vortrag über das Weltnaturerbe „Wattenmeer“, dass wir morgen auf Sylt erwandern werden.

    Vorher aber habe ich mal wieder einen ganz großen Joean-Moment. Es wird nämlich gefragt, wer für morgen „bleachies“ braucht.

    'Häh? Watt soll datt?'

    Dem Wattenmeer sollte es doch völlig wurscht sein, ob ich da mit strahlend weißen – also gebleachten - Zähnen durchlaufe oder nicht.

    Auch einige andere Mitreisende gucken etwas irritiert. Erst als dann deutsch gesprochen wird, stellt sich heraus, dass ja eigentlich „beachies“ gemeint waren, also so eine Art Strandsocke, die bei einer Wattwanderung verhindert, dass man sich an scharfen Muscheln die Füße aufschneidet.

    Da sieht man mal wieder, dass ein einziger Buchstabe die Welt vom Kopf auf die Füße stellen kann.

    Ende Teil 4 (Helgoland)

    weiter mit List auf Sylt...

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    Basstölpel haben in Deutschland nur auf Helgoland eine Brutkolonie. Hier können sie sich einfach von den Felsen fallen lassen und dann mit den Aufwinden in die Luft steigen. Dank Martin weiß ich nun, dass diese Vögel eine Spannweite von bis zu 1,90 Meter haben und Fluggeschwindigkeiten bis zu 65 km/h erreichen können. Basstölpelpaare bleiben ihr Leben lang zusammen und legen meist nur ein einziges Ei. Das Küken wird bis zu 100 Tage lang gefüttert, wird dabei dick und rund und lässt sich schließlich einfach vom Felsen plumpsen, speckt im Wasser ab und kann erst dann wirklich fliegen.

    Ein großes Problem ist es auch hier, dass die Vögel jede Menge Müll für den Nestbau verwenden.

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    So um kurz nach 11:00 Uhr machen wir uns dann langsam wieder auf den Weg zu den Landungsstegen. Als wir dort eintreffen, hat die Crew der MS Quest dort für uns schon ein zünftiges Mittagessen vorbereitet. Leider hab ich mich erst auf das Essen gestürzt und dann die Bilder gemacht. Nur deshalb sehen die Tische etwas leer aus. Aber auch am Nachtisch wurde nicht gespart.

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    Rüber auf die Düne sind wir dann mit einem der „richtigen“ Börteboote (reserviert für unsere Gruppe) gefahren. Wir wandern im großen Bogen über diese Insel und kommen an den beiden Teichen (Golfteich – und wie war der Name des zweiten nochmal?) vorbei.

    Die Bungalows, die man auf der Düne seit einiger Zeit mieten kann, finde ich ganz nett. Vielleicht wirklich mal etwas für ein verlängertes Wochenende?

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    Dann aber kommen wir langsam zu meinem persönlichen Highlight. Leider muss ich euch nun mit noch mehr Tierfotos quälen.

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    Ende Teil 3

    Erst mal der berühmte rote Felsen:


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    Martin hat (natürlich) Recht. Bis direkt bis an die Absperrungen wimmelt es hier von Vögeln. Und ich muss euch nun leider mit ganz vielen Fotos quälen:

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    Ende Teil 2

    04.09.20 Helgoland

    Achtung! Aufgrund der Anzahl der Bilder besteht "Helgoland" bei mir aus vier Teilen!


    Um 02:36 Uhr sind wir dann beide wach. Wir sind auf der "Nordposition" vor Helgoland angekommen. MS Quest wirft hier gerade Anker und wird den Rest der Nacht im Schutz der Insel verbringen. Trotz der geschützten Position rollt das Schiff ziemlich. Ich gebe mich diesem Rollen hin und versuche, auf die Geräusche der Kabine zu hören. Dabei habe ich allerdings Pech. Trotz der ordentlichen Schiffsbewegung knarrt nichts, schlägt nichts und alle Schranktüren bleiben (natürlich) zu. Dieses Schiff ist ganz offensichtlich für Seegang gebaut - und schlägt damit mühelos seinen 5*-Vorgänger aus dem letzten Jahr.



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    Morgens um 06:30 Uhr befinden wir uns noch auf der Nordposition und können die roten Klippen bei Sonnenaufgang ablichten.


    Kurz danach wird der Anker gelichtet und das Schiff fährt auf eine weiter südlich gelegene Position zwischen Hauptinsel und Düne. Von hier aus ist auch der Anleger für die Zodiacs besser erreichbar.

    Miss WP hat sich auch ihr Frühstück verdient, denn sie war schon fleißig am Arbeiten. Beim ersten Kaffee schnell noch mal kontrollieren, ob die nächste hippe Videobotschaft auch wirklich hochgeladen wurde.


    "Hallihallohallöle, hier ist eure ... Ich wünsche euch allen einen wunderschönen tollen guten Morgen von Helgoland. Hier mit dem wunderschönen Blick. So bin ich heute Morgen aufgewacht. In meiner großartigen Kabine. Ich hab geschlafen wie ein Baby und heute Morgen hatte ich dann gleich die lange Anna.“

    ‚Komisch. Ich hatte heute Morgen nur zerstrubeltes Haar. Wie ist das, wenn man eine lange Anna hat? Tut das weh?

    Lieber Gott, bitte gib, dass ich nicht irgendwann das Gleiche kriege wie sie!

    Während wir noch beim Frühstück sitzen, werden schon mal die Zodiacs klargemacht.

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    Wir legen dann an einem extra für uns abgesperrten Bereich der Landungsstege an (ein besseres Bild hab ich leider nicht gefunden).


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    Gemütlich geht es dann wahlweise mit Fahrstuhl oder Treppe aufs Oberland. Es ist erst 09:00 Uhr. Tagestouristen findet man jetzt hier noch nicht. Hier herrscht (noch) die Ruhe vor dem (An-)Sturm.


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    Dann geht es weiter Richtung Vogelfelsen und Lange Anna.

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    Auf unserem Weg kommen wir auch an er Vogelwarte und der Vogelberingerhütte Helgolands vorbei. Martin ist hier sowas wie zu Hause und erzählt uns jede Menge Interessantes über die Beringungen der Zugvögel, die hier vor allem im Frühjahr und im Herbst stattfinden.

    Darüber hinaus bereitet er uns noch darauf vor, dass in diesem Jahr durch die ausbleibenden Touristen im Frühjahr alle Brutvögel ihre Reviere etwas „ausgedehnt“ haben. Die Basstölpel, die Anfang September die einzig hier verbliebenen Brutvögel mit Nachwuchs sind, haben in diesem Jahr direkt neben den abgesperrten Wegen gebrütet. Wir sollen uns nicht erschrecken, sollte so ein Tölpel direkt neben uns landen.

    Ende Teil 1



    Kommen wir nun aber mal langsam zu unseren Erlebnissen auf Expeditionsfahrt:

    Nach der Seenotrettungsübung sticht MS Quest dann schon um 17:00 Uhr in See. Bei Willkomm Höft werden wir ausnahmsweise - obwohl seegehend - mit der Nationalhymne der Färöer Inseln verabschiedet, der Flagge unter der MS Quest unterwegs ist.



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    Und um 19:00 Uhr gibt's für alle erst mal Abendessen im Restaurant.


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    Auswählen kann man jeweils eine Suppe, zwei verschiedene Salate, drei Hauptgerichte, Dessert und Käse- oder Obstteller bzw. Eis. Das Essen insgesamt war gut, schmackhaft und abwechslungsreich. Wer zum Lunch oder Dinner allerdings "einen Hauch von irgendwas auf einem Schaum von Gedöns" erwartet, ist hier fehl am Platz. Haute Cuisine wird hier nicht geboten.


    Um 20:30 Uhr treffen sich alle Mitreisenden in der Panorama-Lounge. Hier stellt sich nun das Expeditionsteam vor. Das Wattenmeer und seine Besonderheiten werden uns in den nächsten drei Tagen von Christian (Expeditionsleiter), Mandy und Martin nähergebracht.


    Auf unserer Reise sind nur 17 Passagiere an Bord. Damit zählt diese Reise zu den weniger gut gebuchten dieser kurzen Saison. Uns soll es recht sein.


    Auffällig ist, dass auch bei uns die Betreiberin eines Online-Reisebüros an Bord ist. Sie hat ständig ihr Handy im Anschlag, filmt alles was bei drei nicht auf den Bäumen ist und sie lacht zu laut über jeden vermeintlichen Scherz des Expeditionsleiters. Ich werde ihr im Laufe der Reise den Namen Miss WaterProof, oder kurz: Miss WP geben.


    Gleich nach der Vorstellung spielen wir: "Zeigt her eure Füßchen, zeigt her eure ..." für Kreuzfahrer - Schuhgrößen werden notiert und die Gummistiefel werden verteilt.


    Chris erklärt noch einmal allen den geplanten Ablauf der Reise, betont aber gleichzeitig auch, dass kurzfristige Änderungen im Ablauf durchaus vorkommen können. Fast stündlich wird von der nautischen Crew die Wettersituation neu bewertet und ggf. die Fahrtroute angepasst. Alles kann, nichts ist sicher - so könnte man das Motto hier zusammenfassen.


    Umso mehr als dass unser Wetter aktuell von Tiefdruckgebiet Natascha bestimmt wird. Leider sei auch keine Besserung in den nächsten Tagen in Sicht. Tief Ottilie folge Natascha auf dem Fuße.


    Vor diesem Hintergrund bekommt der danach folgende Punkt ordentlich Bedeutung. Eindringlich wird erklärt, wie bei diesem Wetter das Besteigen der Zodiacs vor sich zu gehen hat und wie man sich auf den Schlauchbooten zu verhalten hat.

    Friesennerze lägen bereit und jeder, der will, kann sich mit einem ausrüsten.

    "Wir hatten auf den letzten Reisen immer viel Spaß bei den Zodiac-Fahrten. Da kann es schon mal nass werden. Und glaubt mir: Bis jetzt haben wir noch jeden nass gekriegt!"


    Im Moment befinden wir uns mit einer Geschwindigkeit von 15 Knoten ja noch auf der Elbe, in der deutschen Bucht wird dann die Geschwindigkeit auf 9 Knoten verringert. Allerdings beträgt dort die Windstärke dann 6 Beaufort mit Wellenhöhen von 1,40 Meter bis 1,60 Meter. Das mag sich jetzt nicht nach viel anhören, aber unsere Jolle ist ungefähr 240 Meter kürzer als eine Mein Schiff und Stabilisatoren hat sie auch nicht.


    Von daher bietet Chris den Gästen Postafen an - eine Tablette, die es in Norwegen wohl rezeptfrei gibt und die sowohl gut verträglich als auch wirkungsvoll sei.


    "Aber bitte - nehmt unbedingt nur eine. Ab zwei fängt man an, zu halluzinieren."

    "Iss nich wahr, oder?"


    "Doch. Wir hatten hier mal einen, der war Feuerwehrmann. Ein großer stämmiger Kerl. Der hat zwei genommen. Und ist anschließend über das ganze Schiff und hat ständig überall Feuer gesehen. Der war echt anstrengend. Sowas brauch ich nicht nochmal."

    Wir nehmen das zur Kenntnis und Chris wird ganze 3 Tabletten los.


    Das morgige Programm für Helgoland wird durchgesprochen. Vormittags werden wir auf der Hauptinsel sein, um uns dann gegen Mittag, um den Tagestouristen zu entgehen, auf die Düne zu begeben.

    Dabei werden wir 17 Hanseln noch mal in 2 Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe wird mit Damaris vom Verein Jordsand Oberland und Düne erkunden, die andere Gruppe wird mit Martin, dem Diplom-Biologen und Ornithologen und in dieser Funktion, Mitglied unseres Expeditionsteams, unterwegs sein. Damaris eilt der Ruf voraus, ziemlich zügig unterwegs zu sein. Daher entscheiden wir uns für Martins Gruppe. Meine Intension dabei: Wenn wir nicht so schnell laufen, hab ich mehr Zeit für Fotos.

    So ab 21:30 Uhr gibt es dann von Martin noch einen einführenden Vortrag über die Vogelwelt Helgolands.

    Martin ist ein Gewissenhafter und macht uns zu Beginn erst mal mit der Gliederung seines Vortrags bekannt.


    1. Hauptinsel


    1.1. Brutvögel


    1.1.1. Lumenfelsen


    ...


    An dieser Stelle mache ich für mich im Geiste eine neue Liste auf:


    1. Nachtruhe


    1.1. Wann werde ich wohl heute ins Bett kommen?


    2. Ausflug


    2.1. War die Entscheidung für Martins Gruppe wirklich so eine gute Idee?



    Zu Martins Ehrenrettung muss man dann aber sagen, dass sein Vortrag wirklich sehr interessant war. z.B. werde ich nie mehr vergessen, wie die Flagge Helgolands aussieht.

    Grün, rot weiß - "Grün ist das Land, Rot ist die Kante, weiß ist der Sand."


    Oder auch: „Wozu sind Touristen auf Helgoland gut? Ausbooten, Ausbeuten, Einbooten.“


    "Weiß einer, warum Helgoland verwaltungstechnisch zu Pinneberg gehört? Nein? Ganz einfach: Sonst wollte es keiner."

    Gegen 23:00 Uhr wanken wir dann ins Bett. Das schaukelt aber ganz ordentlich. Mal sehen, wie die Nacht wird.

    Und weiter gehts hier...

    15.09.2020

    Schon seit einer Woche sind wir nun wieder zu Hause. Und bisher hatte ich echt noch keinen Bock, mich an den Reisebericht zu setzen. Sowas ist mir noch nie passiert. Insgeheim stelle ich mir schon die Frage, ob es überhaupt noch einen Bericht geben wird. Die Welt würde davon nicht untergehen und niemand würde ihn vermissen... Wirklich niemand?

    Ich glaube, ich brauchte erst mal etwas Abstand. Was lag also näher, als das Meer zu wechseln und nun bei traumhaftem Spätsommerwetter auf Usedom in meinem Strandkorb zu sitzen. Und noch während mein Blick nun zu einem anderen Horizont schweifen kann, finde ich dann auch die ersten Worte für diesen neuen Reisebericht.

    Der Grund dafür, dass ich mich dieses Mal so schwer damit tue, liegt einfach darin, dass ich die Situation unterschätzt habe. In völliger Naivität hab ich geglaubt, dieser Bericht wird in der Masse untergehen - er würde einer sein von vielen.

    Genaugenommen ist er das auch - einer von vielen. Das, was sich in den letzten Wochen (d.h. auf den ersten Reisen der MS Quest) dort abspielte, kann man eigentlich nur als ein gigantisches Vlogger-Blogger-Klassentreffen bezeichnen.

    Alle sind sie hier gewesen - alle:

    Der, der immer die Schiffe testet hat quasi dem, der immer auf Kreuzfahrt Urlaub macht, die Schwimmweste in die Hand gegeben. Nach diesem kreuzfahrttechnisch so gut wie brachliegenden Sommer stürzt sich jeder, der noch in ein Smartphone quatschen kann um darüber zu berichten, auf diese Neuigkeit im Kreuzfahrtsegment.

    Und genau diese Entwicklung habe ich definitiv unterschätzt!

    Deshalb sitze ich nun hier an einem anderen Ufer eines anderen Meeres und versuche meine eigenen Erlebnisse in Worte zu fassen. Das ist gar nicht so einfach, wenn mein mobiles Endgerät meine Surfgewohnheiten besser kennt als ich selber und mich ständig mit Links und Hinweisen auf die neuesten Artikel im Kreuzfahrtmarkt versorgt. Und wovon handeln die wohl? Richtig: MS Quest im Wattenmeer...

    Standhaft habe ich mich in den letzten Tagen geweigert, irgendeinen dieser Berichte anzusehen oder zu lesen. Das, was ich hier abliefern möchte, soll unbeeinflusst sein.

    Ich möchte hier einen Bericht schreiben, der niemanden nach dem Mund reden wird, einen Bericht, der nicht zwangsläufig mit einem über alle Maßen positiven Fazit daherkommen muss.

    Was bin ich froh, mich niemals in eine solche (mediale) Abhängigkeit begeben zu haben!

    Anreise nach Hamburg am 03.09.2020

    Da ich mal wieder viel zu zeitig die Fahrkarten gebucht hatte und wir erst ab 16:30 Uhr aufs Schiff können galt es, die zeitliche Lücke mit etwas Sinnvollem zu füllen.

    Kurzfristig hatte ich deshalb noch zwei Tickets für das "Discovery Dock" in der Hafencity bestellt. Nach Aussage des Betreibers sollte man hier den Hamburger Hafen aus einer bisher noch nicht dagewesenen Perspektive erleben können. Ein hochgestecktes Ziel, dass aber locker erfüllt wird. Insbesondere in Corona-Zeiten!

    Keine Ahnung, wie viele Besucher sonst dort gleichzeitig reingelassen werden... Punkt 14:00 Uhr waren wir genau 4 Leute. Sozusagen fast eine Privatführung.

    An zwei Stationen kommen VR-Brillen (virtual reality) zum Einsatz, die einen dann z.B. in das Innere des Trockendocks Elbe 17 versetzen. An einer anderen VR-Station ist man als Kranführer einer dieser Containerentladebrücken unterwegs. Mein absolutes Highlight! Drei Minuten hat man Zeit um einen Container zu entladen , also zu löschen - wie es ja eigentlich heißt.

    Mein erster Versuch endet mit einem Totalverlust des Containers, sämtlicher umliegender Ladung, des gesamten Frachters und last but noch least der kompletten Kaianlage.

    Das muss man so erst mal hinkriegen! Bruce Willis wäre stolz auf mich!

    Aber das Gute an Corona-Zeiten und den damit verbundenen geringen Besucherzahlen ist ja, dass wir gerade so eine spannende Station mehrmals nutzen konnten. Und bei diesem Containertetris macht Übung eindeutig den Meister!

    Schon im zweiten Durchlauf hab ich den Container in 1 Minute und 50 Sekunden unfallfrei! von Bord gehabt. Wenn man sich da erst mal eingefuchst hat, macht es einen riesigen Spaß. Ich hätte kein Problem damit gehabt, den restlichen Nachmittag Container zu entladen - völlig unabhängig davon, ob die überhaupt hätten entladen werden sollen. Wenn ich erst mal dabei bin, bin ich dabei. Leider ist die Besuchszeit aber auf 50 Minuten begrenzt.

    Wer also in der nächsten Zeit nach Hamburg kommt oder will, dem sei ein Besuch dort wärmstens ans Herz gelegt - insbesondere solange es die großen Besucherströme noch nicht wieder gibt.

    Nachdem wir dann - noch völlig euphorisiert - wieder auf der Straße stehen, wird es auch langsam Zeit, die Koffer am Hauptbahnhof aus dem Schließfach zu befreien und uns auf den Weg nach Steinwerder zu machen.

    Anfangs hatte ich ja noch gehofft, dass MS Quest - ähnlich wie die Roald Amundsen von Hurtigruten auch von Baakenhöft starten würde. Klein genug für Baakenhöft wär das Schiff ja und besser erreichbar wäre es auch. Leider ist es dann doch Steinwerder geworden, aber wer jetzt an das Cruise-Terminal denkt, liegt ca. 100 Meter daneben oder besser: davor.

    Völlig unscheinbar liegt - nachdem man durch die Einfahrtschranke Steinwerder durch ist - auf der rechten Seite in Höhe des "Stromspeichers" ein Ponton. Und dort liegt die MS Quest. Einchecken, Abgabe Gesundheitsfragebogen und erste Temperaturmessung erledigen wir an einem klapprigen Campingtisch, der wegen des einsetzenden Regens Schutz unter dem großen Dach des Taxihaltepunktes gesucht hat. Die Koffer werden erst mal im eigentlichen Cruise-Terminal durchleuchtet und uns später auf die Kabine geliefert. Also dann: Kapuze und Schultern hochgezogen, die Brücke runter auf den Ponton und dann die Gangway rauf aufs Schiff.

    Trotz der übersichtlichen Schiffsgröße werden wir von einem Crewmitglied zur Kabine begleitet. Wir hatten eine Komfort-Kabine für 1.600,- € pro Person gebucht. Klingt komfortabel, beschränkt sich aber hier auf das allernotwendigste - was ich auf keinen Fall abwertend verstanden wissen will.

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    MS Quest wurde 1992 als SAQQIT ITTUK gebaut und war damals als Fähre für den Einsatz an Grönlands Küste konzipiert. Daher verfügt das Schiff über die zweithöchste Eisklasse und kann - nach dem Umbau zum Expeditionsschiff und der Modernisierung im Jahr 2018 - max. 54 Passagiere befördern. Und hier erklärt sich auch der vermeintliche hohe Preis für 4 Nächte Schiffsreise.

    Machen wir doch mal eine "Milchmädchenrechnung" auf:

    Da MS Quest ziemlich genau nur 50 Meter lang ist, muss also (rein rechnerisch) jeder Gast ca. "1 Meter Schiff" mit allen seinen Kosten (Betrieb, Gebühren, Crew, Treibstoff und was weiß ich noch alles) finanzieren. Bei den TUI-Schiffen kommt - bei Belegung vor Corona - für die MS 3 folgende Kostenteilung zum Tragen: 293,30 m : 2.506 Passagiere = rd. 12 cm "Schiff pro Passagier". Man mag mich für diesen Vergleich gern steinigen. Trotzdem glaube ich, dass diese Herangehensweise sehr anschaulich die Höhe des Passagepreises verdeutlicht bzw. erklärt. Darüber hinaus erklärt es auch noch, warum in den letzten 10 Jahren die Schiffe immer größer wurden und vor allem – immer mehr Passagiere beherbergten.

    Normalerweise ist MS Quest nur in der Arktis bzw. der Antarktis mit vorwiegend amerikanischen und schwedischen Gästen unterwegs. Aufgrund der Corona-Situation brach auch hier die Kundschaft weg. Dieser Umstand nun rief den Inhaber der Adler-Schiffe, Reeder Sven Paulsen, auf den Plan. Dieser charterte das nun arbeitslose Expeditionsschiff und entwarf kurzfristig Reisen in (vorwiegend) deutschen Hoheitsgewässern, ohne Risikogebiete, ohne Einreisebestimmungen, ohne zu viel Kontakt mit den Touristenströmen. Insgesamt 16 Reisen hat MS Quest auf diese Weise absolviert.

    Hier gehts weiter...

    MS Quest im Wattenmeer - Wo krieg ich trockne Hosen her?

    oder: Wenn Wege erst beim beim Gehen entstehen


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    Man kann es drehen und wenden wie man will: ob gewollt oder ungewollt verhilft mir die Corona-Situation zu einigen Erkenntnissen über mich selbst, denen ich einfach mal ins Auge zu sehen habe.


    Im März musste ja unsere Azoren-Reise mit der MS Herz 6 Tage vor Abflug abgesagt werden. Das war angesichts der Situation verständlich – klar, aber am meisten wurmte mich damals die Tatsache, dass mein durchaus genialer Opener für den anschließend zu schreibenden Reisebericht nun als Klumpen magnetisierter Eisenpartikelchen auf der Festplatte meines Computers für immer verkümmern würde. Niemals würde er den Weg hinaus in die Welt finden.

    Nun könnte ja wer kommen und sagen: “Hab dich nicht so mädchenhaft. Dann nimmste das Vorwort eben einfach für‘n anderen Reisebericht!“

    Nee, sooo einfach isses eben nich!


    Hatte ich mir doch damals ganz spezielle Gedanken um die Entstehungsgeschichte der neun Azoren-Inselchen gemacht. Die rein naturwissenschaftliche Variante einfach nur zu lesen, wurde mir schnell langweilig. Das musste doch auch anders gehen!


    Und so hatte ich in einigen schlaflosen grauen Morgenstunden die Schöpfungsgeschichte der Erde… - zu sagen ich hätte sie neu erfunden, wäre wirklich übertrieben. Aber drücken wir’s mal so aus: ich hatte sie in Teilen etwas konkretisiert.


    In kurzen Worten (ich weiß… kurz ist bei mir relativ) skizziert, sah das Ganze dann so aus:


    Eigentlich hätte der Schöpfer allen Grund gehabt, stolz auf sich zu sein.

    Gerade war er mit Amerika fertig geworden und er hatte sich echt Mühe dabei gegeben. Man macht sich ja keine Vorstellung davon, wie mühsam es ist, diese ganzen kleinen Karibikinselchen ausm Meer zu ziehen. So eine Fitzelarbeit ist selbst für schöpfende Männerhände eine ziemliche Zumutung!


    Aber gut - er hatte die Sache angefangen und letzten Endes war ja etwas ganz Ordentliches dabei herausgekommen. Hier ein wenig gedrückt und da mal ein bisschen Land rausgeschoben - okay: ab und zu war er auch mal mit‘m Finger ausgerutscht - wie sonst ließen sich die Anden erklären oder die Alaska-Halbinsel.

    Panama war tricky - mit Panama hatte er sich ziemlich lange aufgehalten. Und das alles nur, damit die Menschen später mal diesen Kanal würden graben können.


    Und nun - so fand er - hätte er sich ein Lob verdient. Nur - wer sollte ihn denn loben? War ja keiner da außer ihm! Schöpfen macht einsam - das wurde ihm nun langsam klar. Diese Erkenntnis piekste ihn ziemlich an und weil er sowieso gerade etwas fies drauf war, schöpfte er gleich noch die Mücke. Damit war schon mal klar, dass die Sache mit dem späteren "Kanalgraben" auch nicht zu einfach für die Menschen werden würde.


    Schöpfen ging damals aber auch relativ fix und ehe er sich's versah, schwirrten Millionen von Stechmücken um seinen Kopf. Während er noch wild mit seinen Händen wedelte um diese lästigen Viecher wieder zu vertreiben, kroch es langsam - wie eine gewaltige Welle - in ihm hoch. Ein Niesreiz von geradezu biblischem Ausmaß!

    Schwer legte sich seine Stirn in drei gewaltige Falten (womit wir gleich auch noch die Dreifaltigkeit auf eine völlig neue Erklärungsstufe gehoben hätten) und dann brach es förmlich aus ihm heraus. Dieser Nieser war so gewaltig, dass die ganze schöne Erde erzitterte und sich die Erdachse prompt um 23° Grad neigte.

    Völlig unbeabsichtigt entstanden so die Jahreszeiten. Aber: Nicht nur die! Als Schöpfers Augen wieder klar wurden, blickte er erstaunt so schräg nach unten. Was war das denn? Neun Inselchen lagen plötzlich mitten in dem, was einmal der Atlantik werden sollte.

    'Ach gucke', dachte er bei sich.

    'Inseln machen ist ja doch gar nicht so schwer. Das hätt ich mal schon bei der Karibik wissen sollen!'

    Zufrieden betrachtet er also sein Werk um sich dann ausgiebig Afrika zuzuwenden...

    An dieser Stelle der Geschichte ließ ich dann den alten Mann mal alleine und überlegte mir, was uns das denn alles sagen solle.

    Bezogen auf die Azoren ergaben sich nun zwei Möglichkeiten:

    1. die Azoren sind der feuchte Auswurf Gottes - eine Vorstellung, die ich ziemlich widerlich fand

    oder aber:

    2. die Azoren sind geschaffen aus dem Besten, was er zu geben imstande war - sozusagen aus seinem Innersten heraus. Eine wesentlich tröstlichere Vorstellung…


    Also mal ganz ehrlich: Im März – zu einer Zeit als jeder nur noch zusah, dass er sich durch möglichst großen Rückzug vor „dat Virus“ schützt - sich über Qualität und Eigenschaften von Gottes Sputum Gedanken zu machen, wäre sicher einigen als ziemlich respektlos aufgestoßen. Kein guter Zeitpunkt, um so etwas ins Forum zu stellen!

    (äh… „aufgestoßen?“ ….Ups… da hab ich wohl schon wieder danebengegriffen.)


    Der März aber ging vorbei, der April ging irgendwie im VPN-Tunnel zwischen Home und Office verloren und im Mai hatte ich die Schnauze voll. Sämtliche Urlaubspläne waren inzwischen diesem kleinen fiesen Virus mit diesen seltsamen Möpseln rundrum zum Opfer gefallen.


    Zu diesem Zeitpunkt musste ich mir eingestehen, dass ein Leben ohne zumindest die Vorfreude auf eine Kreuzfahrt doch an Qualität einbüßt. Ganz offensichtlich bin ich also doch kreuzfahrtsüchtiger als ich mir das hätte vorstellen können.

    Gut – an diesem Zustand ließ sich erst mal nichts ändern, aber dann gab es Anfang Juli doch die ersten bläulichen „Nur-gucken-nicht-anfassen-Hoffnungsschimmerfahrten“ am entfernten Horizont.


    Boah, ist ja nett – aber: will ich das?

    Kann ich das überhaupt: Nur gucken, nich anfassen (dürfen)! Iss ja wie bei den Kronjuwelen von good-old-Lizzy!


    Und dann lese ich doch in der Mittagspause diese Nachricht: „Expeditionsreisen ins Wattenmeer“. Wie g*il ist das denn! Mit max. 48 Passagieren fährt dieses Schiff rund um die Nordseeinseln und landet mit seinen Zodiacs an.


    „Anlanden = anfassen!“ So viel ist mir an der Stelle schon mal klar.

    Und das alles auf einem „richtigen“! Expeditionsschiff – einem das diese Bezeichnung auch verdient! (Nach der World Explorer-Erfahrung im letzten Jahr bin ich ja da vorsichtig geworden!)


    Völlig euphorisch unterbreite ich Göga abends meinen Vorschlag. Beim Wort „Expeditionsschiff“ rümpft er leicht die Nase, aber ich bin vorbereitet und zeige ihm im Internet die Seiten des Anbieters, der normalerweise MS Quest vermarktet und die Routen, die das Schiff normalerweise fährt und - die Preise die normalerweise dafür aufgerufen werden.

    Fest steht: so preiswert werden wir nie wieder auf so ein Schiff kommen. Noch am gleichen Abend geht die Buchungsanfrage raus...


    Hier gehts weiter...

    Mit Betreten von TS Albatros fielen sämtliche Sorgen, jeglicher Stress und Ärger von uns ab wie ein alter Mantel.

    Niemals wieder in all den folgenden Jahren, bei all den folgenden Kreuzfahrten habe ich dieses "zurücklassen aller Sorgen" beim Betreten eines Schiffes so stark empfunden, wie an diesem 11. Juli 1999.

    Wir hatten alles getan, was wir nur tun konnten. Der Rest lag nicht mehr in unserer Hand.

    Und wie war jetzt eigentlich die Kreuzfahrt?

    Gigantisch, phänomenal, bombastisch, beeindruckend.

    Prägend - bis heute.

    z.B. erlebte ich mein allererstes und gleichzeitig auch mein allerletztes Mal Seekrankheit. Irgendwo zwischen Orkney und Island ging es das erste Mal richtig gut zur Sache. Gefühlt mitten in der Nacht kippte auf einmal der ganze Kahn auf die Seite. In unseren getrennt stehenden Betten drückte es mich gegen die Wand und beförderte Göga halb aus dem Bett. Kurz darauf krachte es ohrenbetäubend laut und unsere Jolle schleuderte auf die andere Seite. Jetzt hingen wir beide tatsächlich zwischen den Betten. Nicht gelogen!

    Nachdem wir uns wieder hochgerappelt hatten, zeigte ein Blick auf die Uhr, dass es doch schon kurz vor 08:00 Uhr war. Gut, dann konnten wir auch frühstücken gehen.

    Ich bestellte mir im Restaurant ein großzügiges Rührei. Als dies dann auf dem mit einer rutschfesten Unterlage versehenen Tisch stand, konnte ich fasziniert beobachten, wie diese Eierspreise bei jedem Brecher auf dem Teller von ganz links nach ganz rechts rutschte.

    Ich sah das Ei an - das Ei (auf seinem Weg) sah mich an und dann dachte ich: 'Okay, ich glaub, ich ess dich heut doch nicht.'

    Für mich war das Frühstück in diesem Moment beendet.

    Der Seegang blieb uns den Tag über erhalten und ich brachte den ganzen Tag keinen Bissen runter.

    Auch zum Abendbrot wurde das nicht besser und entgegen der gutgemeinten Ratschläge unserer Tischnachbarn verweigerte ich auch diese Mahlzeit.

    Ich hatte die Schnauze voll ohne überhaupt etwas gegessen zu haben. Ich hatte es satt, dass mein Magen bei dieser Schaukelei gefühlt immer eine Sekunde später dran war als der Rest des Körpers. Ging das Schiff nach oben, ging mein Magen nach unten. Und andersrum. Es sollte aufhören! Ich wollte nur noch ins Bett.

    Dazu muss man sagen, dass die Betten auf TS Albatros die besten waren, die wir jemals auf einem Schiff erlebt haben. Der Bettkasten war zwar fest mit der Kabine verbunden, aber das Innenleben bestand aus etwas, dass sich anfühlte wie eine Hängematte. Lag man in dieser Kuhle erst mal drin, glich es die Schiffsbewegungen nahezu perfekt aus. Größere Schläge wie am Morgen natürlich ausgenommen.

    Und nachdem ich mich in diesem Möbel dann zusammmengerollt hatte, ging es mir von Minute zu Minute besser. Und das hatte zwei Folgen: 1. Ich kriegte einen Mordshunger. 2. Ich kriegte eine Mordswut.

    Also wieder raus aus der Höhle und auf Nahrungssuche gegangen. Die Restaurants waren zu diesem Zeitpunkt schon geschlossen und sowas wie einen 24-Stunden-Grill gab es damals noch nicht. Das einzige, was ich in unserer Kabine fand, war eine Tafel Ritter Sport. Die musste dran glauben. Komplett.

    Blieb die Mordswut. Ich war wütend auf mich selber. Es kann ja wohl nicht sein, dass ich mich von so einem Scheiß-Seegang hier unterkriegen lasse! Ich hab doch hier nicht eine Mörderkohle auf den Tisch gelegt, damit ich mich im Bett verkrieche!

    'Mädel, du hast eine Seereise gebucht und jetzt kriegst du eine Seereise! Kneif jetzt gefälligst deine Arschbacken zusammen, geh da raus und find es verdammtnochmal schön! Alles andere wäre nämlich rausgeschmissenes Geld!'

    Und genau das hab ich dann getan. Und ich tue es bis heute. Seit diesem Abend hab ich mich zum Seegangjunkie entwickelt. Mir kann es gar nicht mehr stürmisch genug sein.

    Natürlich ist mein Magen manchmal immer noch später unterwegs als mein Körper, aber jetzt geniesse ich dieses Gefühl geradezu. Weil ich weiß, es gehört dazu. Und weil ich's bezahlt hab! Und weil ich weiß, ich hab's im Griff. Schlecht geht's nur denen, die sich davon unterkriegen lassen! Und dazu werd ich bestimmt nicht gehören!

    Jeder angelaufene Hafen war einzigartig, ein großes Abenteuer. Genau genommen waren es 17 Tage in denen ein grandioser Augenblick vom nächsten abgelöst wurde.

    Sei es die Passage von Jan Mayen im Schein der Mitternachtssonne oder der ungeplante Abstecher in Spitzbergens Tempelfjord. Mein Fiasko mit dem Schneemobil auf Islands Langjökull gehört ebenso dazu wie die Begegnung mit unserem ersten Walroß, das sich seelenruhig neben dem Tenderboot auf die Eisscholle wuchten musste.

    Und etwas anderes - sehr dekadentes - gab es damals noch:

    Irgendwo in der Weite des Nordmeeres zwischen Spitzbergen und Honningsvag wurde am Heck des Schiffes eine Wurfvorrichtung montiert. Zusätzlich zur Brückenwache wurden drei Matrosen mit Ferngläsern abgestellt, die warnen sollten, falls doch irgendwo eine Robbe den Kopf aus dem Wasser streckte.

    Dann holte der Kapitän zwei Schrotflinten für's Tontaubenschießen der Passagiere aus dem Tresor ... - stellt euch mal vor, was heutzutage für ein Aufschrei durch die Leute gehen würde...

    Was gibt es sonst noch von unserer ersten Kreuzfahrt aus dem letzten Jahrtausend zu berichten?

    Es gibt unfassbar schlechte Fotos im Format 9x13, die damals noch mt einer Analogkamera aufgenommen wurden. Immerhin hatten wir uns aber die "guten" Filme geleistet, die schon mit ISO200 belichtet werden konnten! Wahnsinn!

    Aber Fotos waren damals überhaupt nicht so in. Wer was auf sich hielt, drehte damals Videos. Die Kamera wog gefühlt 10kg (na gut: in Wirklichkeit war sie dann wohl doch leichter, aber ein knappes KIlo hatte sie trotzdem immer noch). Aufgenommen wurde das Ganze auf kleine Kassetten, die dann mit Hilfe einer Adapterkassette auf einem VHS-Videorekorder abgespielt werden konnten.

    Unklar! Wenn ich das jetzt hier so aufschreibe, merke ich erst mal wie unglaublich lange das doch alles her ist!

    Von den insgesamt über 5 Stunden Video hab ich 4 Stunden nur Welle gefilmt. Das aber mit Begeisterung! Und dazu immer meine Stimme aus dem off: "Ooch guck doch mal, wie toll die Welle da vorn ist und wie schön es aussieht, wenn sie bricht."

    Ein Satz, den man definitiv nur über eine Welle sagen kann - ja, sagen sollte.

    Da wir auf dieser Reise mit Abstand die Kücken auf dem Schiff waren, wurden wir - ob gewollt oder nicht - von allen Mitreisenden irgendwie als Enkel adoptiert und mit unzähligen gutgemeinten Ratschlägen und Lebensweisheiten versorgt.

    Das Fazit aber, dass bis heute gilt, verklickerte uns ein netter älterer Herr so kurz vor den Lofoten:

    "Es gibt nur zwei Arten von Kreuzfahrern. Entweder einmal Kreuzfahrer, immer Kreuzfahrer oder einmal Kreuzfahrt und nie wieder."

    Wie Recht er doch hatte...

    LG Joean

    Gebucht hatten wir diese Reise im Sommer 1998, stattfinden sollte sie vom 11.- 28. Juli 1999.

    Gute vier Monate vor Reisebeginn flatterte ein Schreiben unseres Vermieters ins Haus. Dort stand: wir sollten uns freuen, bei uns würde grundsaniert. Neue Fenster, neue Türen, neue Heizung und natürlich Strangsanierung, d.h. Komplettabbruch einer Küchenwand, Komplettabbruch einer Badwand, neue Rohre von oben bis unten. Bad und Küche wären in dieser Zeit nicht nutzbar und müssten komplett beräumt werden. Einbauküchen seien abzubauen, alle Möbel zu entfernen.

    Start der Umbauarbeiten: 12. Juli 1999.

    Hammer!

    Nun war guter Rat teuer. Und das im wahrsten Sinn des Wortes. Terminverlegung war aussichtslos. Nur weil wir Urlaub machen wollten, würden sie nicht den Bauablauf für den gesamten Block mit 80 Wohnungen knicken.

    Was also tun?

    Reiserücktrittsversicherung hatten wir als "unnötige Ausgabe" angesehen. Wir waren jung und gesund, was sollte uns schon passieren! Tja, Strangsanierung passierte uns.

    Da machste nix.

    Die Stornogebühren hätten zu diesem Zeitpunkt schon rd. 800 DM betragen. Diese Kohle waren wir also quasi schon los. Fragte sich nur, an wen.

    Also hörten wir im Kollegen - und Bekanntenkreis herum, ob nicht jemand einen Rentner kennt, der sich ne Mark verdienen will. Aufgabe: Ab dem 12. Juli eine Woche gegen Belohnung die Bude hüten und die Bauarbeiten beaufsichtigen.

    Tatsächlich fand sich der Vater eines Arbeitskollegen meines Mannes, ein ehemaliger Gymnasiallehrer. Ich habe diesen Mann nur ein einziges Mal kurz persönlich kennengelernt, aber ich bin ihm noch heute zutiefst dankbar.

    Zweimal hat er die neu gestellte Regipswand in der Küche wieder abreissen lassen, da wir unbedingt ein bestimmtes Mindestmaß von Wand zu Wand brauchten, damit anschließend die Einbauküche wieder reinpasste. Zweimeterfünf sind eben zweimeterfünf und nicht zweimeterdrei!

    Meine Mutter hatte als ehemalige Teilkonstrukteurin eine detaillierte technische Zeichnung in drei Ansichten angefertigt, auf der millimetergenau sämtliche Anschlüsse für Geschirrspüler, Herd und Waschmaschine verzeichnet waren. Und wehe, sie würden sich nicht daran halten! Dann würde die Küche anschließend nicht wieder reinpassen.

    Der 11. Juli 1999 war ein Sonntag. Ich hatte ab Mittwoch vorher Urlaub. An diesem Tag: Küchenabbau + Einlagerung im Gästezimmer. Donnerstag und Freitag vormittag hatte ich Zeit, die Tapete von den Wänden zu holen, die stehenbleiben würden. Freitag mittag kam Göga mit nem Bohrhammer und holte noch die alten Fliesen von den Wänden, die nicht abgerissen werden würden.

    Das gigantischtiste Chaos das man sich vorstellen konnte, beschreibt die Situation in der wir uns befanden, nicht einmal annähernd.

    Der weitere Plan sah aus wie folgt: Freitag nacht: Packen und Zwischenlagern der Koffer schon mal im Auto. Samstag: Restarbeiten im Bad und "Versiegeln der Wohnräume". Ich habe sage und schreibe 400m² Plastikfolie in der Wohnung verarbeitet. Zimmer, die nicht mehr betreten werden mussten, wurden luftdicht abgeklebt. Schränke und Couchen komplett eingetütet.

    Wenn wir am 28. Juli vom Schiff kommen würden, würden wir hastewaskannste von Bremerhaven nach Hause rasen, die Koffer erst mal wieder im Auto lassen, in den Keller gehen, uns die dort vorher deponierten Malerklamotten anziehen, hoch in die Wohnung und dort sofort mit dem Tapezieren der Küche anfangen. Egal wie lange das dauern würde: wir mussten fertig werden. Am 29. Juli kam der Küchenbauer wieder zum Aufbau.

    Zeitpuffer ist was für Feiglinge!

    Man könnte jetzt meinen, das diese ganze Aktion auch die beste Ehe auf eine ziemliche Probe stellt. Im Gegenteil! Ganz sicher war auch jede Menge Naivität von unserer Seite im Spiel, aber Fakt ist, dass wir uns in diesen unfassbar chaotischen und stressigen Tagen nicht ein einziges Mal in den Haaren lagen. Hätten wir auch gar keine Zeit für gehabt! Statt dessen existiert ein extrem lustiges Video, wie sich Göga am Samstag abend unter Zuhilfenahme eines Eimers, eines Hockers und eines winzigen Handspiegels nass rasiert.

    Im Nachhinein bewundere ich uns immer noch für diese Organisationsleistung und bin mir aber auch völlig sicher, dass wir das heute - zwanzig Jahre später - so nicht mehr packen würden.

    Wer jetzt denkt: 'Oje, wie soll denn da noch Urlaubsstimmung aufkommen? Wie soll man sich denn da noch erholen?' liegt meilenweit daneben.

    und Teil 3 folgt auch noch

    Unsere erste Kreuzfahrt oder

    "Wie man ins eiskalte Wasser springt, ohne nass zu werden"

    Wir schreiben das Jahr 1998.

    Uhh, werden jetzt viele sagen, das klingt ja wie aus dem letzten Jahrtausend.


    Leute; es IST das letzte Jahrtausend!


    Wie wir (damals 33 und 36 Jahre alt) auf die Idee gekommen waren, eine Kreuzfahrt machen zu wollen, können wir heute gar nicht mehr sagen. Das Thema "Kreuzfahrt" fand in den Medien genau zweimal im Jahr statt - nämlich immer dann, wenn "Das Traumschiff" über die Mattscheibe flimmerte.

    Und der Redakteur, der irgendwann einmal die Idee für eine Doku wie z.B. "Verrückt nach Meer" haben würde, ging zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich gerade mal in die Grundschule.

    Welche Möglichkeiten hatte man damals, sich darüber zu informieren, wie so eine eine Kreuzfahrt eigentlich abläuft?

    Genaugenommen so gut wie gar keine!

    Das Internet steckte noch in den Kinderschuhen.

    War man "online" bedeutete dies im Normalfall, dass man in der Telefonhotline irgendeiner Firma festhing - und zwar mit einem Hörer am Ohr an dem noch eine Strippe baumelte. Da machte die "wörtliche" Übersetzung von "online" mit "an der Leine" noch richtig Sinn.


    An digitale Kataloge oder Foren wie dieses war noch noch nicht mal ansatzweise zu denken.


    Im Urlaub war man eigentlich nicht erreichbar.

    Gut: war man in der U-Bahn war man auch nicht erreichbar. Alles was sich die zu der Zeit Allgemeinheit leisten konnte, war ein Festnetzanschluss. Handy's waren immerhin schon erfunden (und wurden damals in Finnland! hergestellt), aber man konnte mit ihnen wirklich nur telefonieren. Dies wiederum war ziemlich teuer, denn die Telefonflatrate war - ähnlich wie das Flatratesaufen - noch nicht erfunden.


    Wir hatten also absolut keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen, aber: wir wollten nach Spitzbergen. Die ganz normale 17-Tage-Tour wie sie auch heute noch gefahren wird.


    Irgendwelche Vorsichtigkeiten, wie sie heute gern genommen werden: 'Wir machen erst mal eine Kurztour. Wer weiß, ob das was für uns ist...' waren nicht unser Ding.


    Dies lag aber nicht nur an uns, sondern auch an den damals verfügbaren Angeboten.

    Im deutschsprachigen Raum gab es genau drei Möglichkeiten:

    1. Hapag-Lloyd - hätten wir damals nicht bezahlen können
    2. AIDA - die hatten zu diesem Zeitpunkt genau ein einziges Schiff - die AIDAcara. Die hieß damals nur "AIDA" und sie verfolgten noch ihr Clubschiffkonzept nach amerikanischem Vorbild. Und das war mir - ohne dass ich das hätte mit Argumenten untermauern können - irgendwie zu lustig. Im Geiste sah ich mich da schon zwei Wochen in einer Dauerpolonaise um den Pool wanken und immer "Hier fliegen gleich die Löcher aus dem Käse.." singen. Nee, das war mir suspekt.
    3. Phoenix-Reisen - und die sind es ja dann auch geworden.

    Als wir dann also mit unserem Ansinnen ein Reisebüro betraten, guckte der Typ nach dem Auftaktsatz genauso entgeistert wie unsere Eltern und Freunde. Aber: er fasste sich schneller als sie. Hier lauerte immerhin Umsatz!


    Eltern und Freunde waren einigermaßen fassungslos, als wir damals mit dieser Kreuzfahrtgeschichte um die Ecke kamen.


    "Wieso das denn auf einmal?"

    "Kind, was da alles passieren kann!"

    "So alt seid ihr doch noch gar nicht!"

    "Habt ihr im Lotto gewonnen?"

    "Spitz-wohin?"


    In unserem Umfeld gab es damals absolut niemanden, der uns nicht für völlig bekloppt hielt.


    Uns war das total wurscht. Wir wollten das und damit ziehen wir das auch durch.

    Nur einmal - so ungefähr 6 Wochen vor Reisebeginn - bekam ich kurz leichte Zweifel.


    Wir hatten einen Anruf bekommen und sollten im Reisebüro vorbeischauen. Das Schiffsmanifest müsse ausgefüllt werden.

    Manifest???

    Selbst in meinen kühnsten Träumen hätte ich Karl Marx und Kreuzfahrt bis dahin nicht unter einen Hut gekriegt!


    Wir pinselten das Ding also per Hand aus und ich wagte die Frage zu stellen, wofür das denn gut wäre.

    Der Reisebürotyp druckste etwas rum und meinte dann allen Ernstes: "Also, ich trau's mich ja kaum zu sagen... Aber die Taucher müssen ja wissen, wo sie suchen müssen!"


    Ohne Scheiß! Der hat das echt genau so gesagt!

    Als ich dann meine Unterschrift auf dem Manifest leistete, hörte ich es im Hinterkopf gluckern und überdachte kurz meine Packliste.


    Viele Jahre später wagte ich es dann mal, auf genau diesen Satz zurück zu greifen als Freunde kurz vor ihrer ersten Kreuzfahrt standen.

    "Und: Schon das Manifest ausgefüllt? Wisst ihr überhaupt, wofür das ist?"

    Sie sind trotzdem gefahren.


    Nachdem ich das dann alles verdaut hatte, hätte man meinen können, dass nun der ungetrübten Vorfreude auf die erste Kreuzfahrt nichts mehr im Wege stand, wenn... ja wenn...

    geht gleich weiter.... Ich hab wieder das "10.000-Zeichen-Problem"

    Frage: Wann glaubst Du, wird dieses Schiff ohne Macken buchbar sein?

    Hallo @'deern_vonne_elw,

    das kann ich überhaupt nicht beurteilen. Da hilft nur immer fleißiges "am-Ball-bleiben" und sicher wird man dann mal auf dem einen oder anderen Kreuzfahrtnachrichtenportal entsprechende Hinweise finden. Aber ich als laienhafter Ex-Reisender kann dazu noch nicht mal ansatzweise eine Vermutung äußern.

    LG Joean