Dienstag, 20.09.2022
Schon wieder früh aufstehen, denn es gilt heute den Westen der Insel zu entdecken.
Auf dem Weg halten wir an der St. Matthew’s Church, auch als Glaskirche bekannt. Die Witwe des Gründers der Drogeriekette Boots (wem das was sagt) überzeugte den französischen Künstler Renè Lalique die Kirche mit seinen Arbeiten auszustatten. Altar, Kreuz, innere Trennwände – ein Art Deco-Traum aus weißem Glas. Würde ich euch gern zeigen – geht leider nicht.
Auf dem Weg Richtung Westküste müssen wir dann auch das kleine Städtchen St. Aubin an der Südwestküste durchfahren. Am Donnerstag werden wir hier auch einen Stopp einlegen, dann gibt es mehr Bilder. Einen kleinen Funfact habe ich aber jetzt schon für euch.
Karl Marx und Friedrich Engels beschrieben den Weg des armen, geknechteten Proletariats ihrer Zeit in eine bessere Zukunft und hatten überhaupt kein Problem damit, diesen Weg schon mal ausgiebig „probezulaufen“. Zwischen 1857 und 1885 statteten beide der Insel mehrere längere Besuche ab, um dem britischen Regenwetter zu entgehen und das milde Klima hier zu genießen. Abgestiegen sind sie dabei meist in St. Aubin in einem kleinen Hotel, dem „The Trafalgar“.
Überliefert ist, dass sie sich nach kurzer Zeit schon ziemlich über das Essen aufregten, denn es gäbe hier „nur Lamm in allen Variationen“. Auch von den Jerseyanern hielten an sich sie nicht viel. Die Worte „dumm“ und „Bauern“ sollen in diesem Zusammenhang gefallen sein.
Als vor Jahren darüber diskutiert wurde, ob man an dem bevorzugten Hotel „The Trafalgar“ eine Gedenktafel für die beiden prominenten Besucher anbringen solle, sprachen sich nur 26% der Einwohner St. Aubins dafür aus. Also: keine Tafel.
Mit solchen Geschichten vergeht die Zeit bis zum nächsten Highlight wie im Flug. Der erste Beton-Leuchtturm der Welt nahm im Jahr 1874 hier seinen Betrieb auf: Eine kleine Gezeiteninsel aus Granit, die nur bei Ebbe erreicht werden kann, bietet hier ein fantastisches Fotomotiv.
Unser nächster Halt war dann schon weiter im Norden der Insel: das La Mare Wine Estate.
Das milde Golfstromklima macht es möglich, dass hier seit 1972 Wein angebaut wird. Wir erhalten eine Führung und dürfen uns durch die Weine und auch durch die Liköre der Destillerie probieren.
Mild berauscht bis leicht angeschickert erreichen wir dann den Pub in St. Mary, um uns mit einem kräftigen Mittag zu stärken.
Nach dem Mittagessen geht’s dann weiter quer über die Insel, würde ich gern sagen, aber was ist schon weit, bei maximal 14 Kilometer Ausdehnung!
Überhaupt! Dabei fällt mir ein, dass ich bisher ja noch gar nicht erwähnt habe, wie nah hier alles bei einander liegt. Jersey misst rund 8 x 14 Kilometer. Man könnte meinen, dass man das alles nach spätestens 3 Tagen durchhat, aber weit gefehlt!
Seit gestern haben wir übrigen einen anderen Reiseleiter. Aus Christina ist nun Christian geworden. Ihm möchte ich ganz herzlich danken, denn aus ihm sprudelten die Infos über diese Insel so umfangreich, dass ich manchmal gar nicht hinterherkam oder mir nur noch kurze Stichpunkte machen konnte, die ich dann zu Hause erst mal sortieren und teilw. nachlesen musste.
Thema Stromversorgung: Jersey deckt seinen Strombedarf zu rd. 90% aus Atomstrom, der durch 3 unterseeische Kabel aus Frankreich bezogen wird. Der Preis dafür ist relativ niedrig und bewegt sich bei ca. 1/3 der Kosten, die wir in Deutschland vor dem aktuellen Preisanstieg zu zahlen hatten. Es gibt keine Windräder auf der Insel und nur ganz wenige Häuser haben Solarzellen auf dem Dach. Dies allerdings liegt oftmals am Denkmalschutz. Fernwärme wird in der neuen Müllverbrennungsanlage erzeugt, die wohl zu einer der Modernsten in Europa gehören soll.
Jersey: warum heißt der Stoff eigentlich so wie die Insel? Im späten Mittelalter war das Stricken auf der Insel so beliebt, verbreitet und einträglich, dass die Bevölkerung sämtliche anderen Tätigkeiten (Fischfang, Ackerbau) derart vernachlässigte, dass ein Gesetz erlassen werden musste: Wer älter als 14 Jahre war, dem war das Stricken verboten. Er sollte sich lieber um „die wirklich wichtigen Dinge“ kümmern. Befolgte man dieses Gesetz nicht, drohte sogar das Gefängnis. Stricken ist inzwischen wieder erlaubt, aber Webereien gibt es keine mehr auf Jersey.
Der Jerseystoff hat mit der Insel quasi nichts mehr zu tun. Es soll ja einen „richtigen“ Jerseypullover geben – früher gedacht als Arbeitskleidung für die Fischer. Meist blau, mit Achseleinsätzen und Anker auf der Brust. Wer denkt, er bekommt sowas auf Jersey zu kaufen, der irrt gewaltig. Ich löchere Christian diesbzgl. und er fragt dann auch noch extra bei einem einheimischen Kumpel nach: Am besten solle ich sowas im Internet bestellen, richtet er mir dann am nächsten Tag aus. Einen speziellen Laden auf Jersey der diese „Jerseypullover“ verkauft, gäbe es hier nämlich nicht.
Dafür kann man hier alles an Markenklamotten erwerben, was auf dem Festland fast unerschwinglich ist. Die niedrige Mehrwertsteuer macht‘s möglich und im Zentrum von St. Helier reiht sich dann auch Shop an Shop.
Überhaupt macht die Insel für die Reichen und - Achtung! – für die Wichtigen Ausnahmen: der Normalo zahlt – wie schon gesagt – 20% Lohnsteuer. Wen aber der Gouverneur als wichtig einstuft, das sind dann gern auch Popstars oder Bestsellerautoren, der muss nur 2% seines Einkommens versteuern.
Überhaupt entlohnt die Insel ihre Angestellten hier sehr fürstlich. Ein Oberwachtmeister bei der Polizei z.B. verdient seine 70.000 £ im Jahr. In London verdient man wohl in gleicher Position rd. 40.000 £ im Jahr. Allgemein gilt: wer hier für den Staat arbeitet, hat ausgesorgt. Wundert es uns da noch, dass es rund 700 Polizisten auf Jersey gibt? Und das bei einer Kriminalitätsrate, die sich im unteren einstelligen Bereich bewegen soll.
Ein Lehrer verdient ca. 47.000 £ im Jahr, ein Schulleiter > 100.000 £ und ein Busfahrer immerhin noch 30.000 £.
Will man mieten, wird es teuer. Für eine 80m³ Wohnung zahlt man schon mal locker 2.300 £ kalt.
Aber auch andere schöne Vorschriften finden sich auf dieser Insel. Es gibt hier zwei gesetzlich vorgeschriebene Termine, an denen jeder Grundstücksbesitzer seine Hecken geschnitten zu haben hat. Nämlich, der 15.07. und der 15.09. eines jeden Jahres. Hält man sich nicht daran, gibt es pro Parish (Gemeinde) eine Kommission, die das kontrolliert. Und kommt dann der Säumige der Aufforderung dieser Kommission nicht nach, dann kriegt er seine Hecke geschnitten – von der Kommission und gegen Strafzahlung.
Kaum haben wir diese ganzen Fakten verdaut, sind wir auch schon der Rozel Bay angekommen, einem niedlichen kleinen Fischerörtchen.
Hier findet sich der - auch bereits in Reiseführern erwähnte – berühmteste Kiosk Jerseys: The Hungry Man. Leider hat er zu. Neben sehr guten Burgern soll man hier sogar eine original englische Teatime genießen können.
Also schauen wir uns etwas in der Bucht mit den markanten roten Fischerhütten um:
Unsere letzte Station für heute ist La Hougue Bie – ein ungefähr 5000 Jahre altes Ganggrab. Durch einen kleinen Eingang scheint 2 x im Jahr die Sonne bis in die hinterste Kammer. Auf dem Hügel über diesem Ganggrab wurden im Laufe der Zeit immer wieder Kirchen errichtet. Leider ist das Museum aktuell nicht geöffnet, so dass man den erst im Jahr 2012 in diesem Ganggrab gefundenen Münzfund – übrigens mit 750kg der größte Europas – nicht besichtigen kann.
Zurück nach St. Helier ist es nur ein Katzensprung. Der Reisebus würde uns natürlich auch wieder zurück in „unsere“ Bucht bringen, aber wir entscheiden uns dagegen und bleiben noch ein wenig in der Hauptstadt der Insel.
In der Blue Note Bar genießen wir zusammen mit Ines und Kai noch ein, zwei einheimische Biere.
„Nach Hause“ geht es dann mit dem öffentlichen Bus. St. Helier ist der Knotenpunkt für alle Buslinien. Und davon gibt es jede Menge. Diese kleine Insel hat ein Busnetz, von dem andere Gegenden nur träumen können. Eine Fahrt kostet 2,10 £ und berechtigt auch zum Umsteigen, wenn man beim Kauf das Zauberwort „Transferticket“ erwähnt. Ein Tagesticket für die ganze Insel kostet 8 £.
Im Hotel wartet dann schon wieder ein Festmal auf uns. Ich weiß gar nicht, wo ich die ganzen Essensbilder gelassen habe. Ich hätte euch so gern noch mehr gezeigt.