27.04. Cannes
Früh aufgewacht und festgestellt, dass die Cote d'Azur schon da ist, auch wenn die Sonne noch nicht da ist.
Auch unsere Tenderboote werden schon "nicht dreckig" (zensiertes Wort) gemacht und vorbereitet (unter entsprechendem Lärm, aber das ist echt OK) - heute müssen wir ja tendern. Enttäuschend ist aber in der Tat, dass wir als Individualreisende erst um 09.00 Uhr von Bord können (statt um 7.00 Uhr). Das haben wir ja so noch nie erlebt - da "fehlen" uns praktisch 2 Stunden! Das ist schon nicht ganz unwichtig, denn wir haben heute den Plan, mit dem Zug nach Grasse, in die Parfümstadt zu fahren.
Dann kommt auch noch Pech dazu - unser Tender wartet noch auf Crewmitglieder, die abreisen, hat Probleme beim Anlegen und rammt noch ein im Hafen liegendes Boot (nun, leicht, aber immerhin). Wir brauchen 45 Min bis zum Ufer...
An den Zug um 10.11 Uhr ist nicht mehr zu denken. Nunja ... Grmpfh. Grummel. Wir sind ja schließlich im Urlaub und es gibt ja eigentlich ziemlich oft Züge nach Grasse. Wir bummeln dann erst einmal durch Cannes - wobei, bei dem Lärm und dem Verkehr ist es mehr ein Hindernislauf denn ein Bummel. Mann, ist das schlimm hier... Die scheinen wirklich jede Straße noch einmal herrichten zu wollen, bevor das Filmfestival anfängt. Gegen 10.25 Uhr schauen wir dann beim Bahnhof vorbei, wir wollen uns erkundigen, ob die Züge heute, trotz Streik, fahren - und wenn ja, welche. Vor dem Bahnhof stehen dann aber Busse, u.a. der Bus 610, den mir mein Telefonjoker H. gestern Abend als Plan B für die Rückfahrt ausgekundschaftet hatte.
Auf nette Nachfrage erläutert der sehr nette Busfahrer, ja, er würde nach Grasse fahren, ja, bis zur Altstadt, ja, klar, können wir mitfahren, nein, es gäbe keine Ermäßigungen für Senioren, aber der Fahrpreis betrüge auch nur 1.50 Euro. Nun denn. Da kann man echt keine Ermäßigung verlangen! Knapp 50 Min. später, nach einer schönen, wenngleich serpentinenreichen Fahrt durch Dörfer und Berge lässt er uns vor der Touristeninfo in Grasse raus.

Meine Güte, ist das schön hier! Und es ist alles so herrlich "malerisch verlottert". Und es sieht genauso aus wie im Film "das Parfüm".

Wir bummeln hier entlang und da hinunter und da hinauf und durch den Durchgang, probieren hier mal etwas und schauen da mal in einem kleinen Gewürzgeschäft hinein. Herrlich!

Das einzige, was auffällt, ist dass die halbe Stadt den "großen Drei" Parfümeuren gehört (Molinard, Galimard und Fragonard) - aber nun, schlecht scheint es der Stadt nicht zu bekommen. Die organisieren auch ziemlich viel . Wir treffen z.B. die "Miss Grasse 2018" und ihre 5 Flügeladjutantinnen auf dem Weg durch die Läden der Stadt, warum auch immer .... Nunja... Die machen eine Art "Ehrenrunde" scheint's, inkl. Foto vor jedem Schaufester.
Um 12.30 Uhr schauen wir in den Fragonard-Laden hinein und siehe da, das Jahr 2018 ist das "Verveine-Jahr". Mein Lieblingsduft! Na, da kaufen wir mal ein bissel was. Leider haben wir keine Zeit mehr, uns auch die Fabrik anzuschauen - es gäbe eine deutsche Führung, aber wir müssen um 14 Uhr im Atelier de Parfum draußen im Industriegebiet sein, dort will mein Bruderherz für seine Liebste nämlich ein eigenes Parfüm bei Galimard kreieren (53 Euro).

Das schaffen wir dann auch - grad 5 Min. zu früh... wir müssen nämlich den ganzen Weg zurück zum Busbahnhof, um den Bus zum Atelier zu nehmen, Taxen gibt es hier nicht. Aber egal, wir werden gut in Empfang genommen von Madame Nathalie, die muss hier die heimliche Königin der Parfumeure sein... Bruderherz und Mama gehen ins Labor und setzen sich vor eine "Orgel" mit fast 100 Essenzen. Zuerst geht es darum, ganz spontan die Basisnote des Parfums zu wählen, dann geht es an Herz und Kopfnote.

Madame Nathalie sagt immer wieder "wow, gute Kombination", mahnt aber auch "na, wir machen wir keine Marmelade", nicht nur die Fruchtdüfte wählen. Sie gibt auch immer Tipps, falls jemand (wie die beiden deutschen Damen nebenan) was nicht gut zueinander passendes wählt. Bei Brüderchen und Mama ist das aber nie nötig. Ich finde, das Ergebnis kann sich riechen lassen. Es ist auch wirklich ganz besonders. Ich plaudere währenddessen mit der Verkäuferin, denn es soll immer nur eine Begleitperson mit ins Labor.
Gegen 15.45 Uhr geht's stolz und mit "Parfumeurlehring"-Urkunde zum Bus... der nicht kommt... es ist Stau... ziemlich viel Stau... aber um 16.05 Uhr kommt der Bus dann endlich - Danke an den Telefonjoker, der uns recherchiert hat, dass es diesen zusätzlichen Bus noch gibt - der Fahrplan der Touri-Info hatte den nämlich nicht "drauf". Wir brauchen allerdings aufgrund des krassen Verkehrs nicht 50 Min., sondern fast 1.5 Stunden. Ich gebe zu, das hat so ein bissel Kurzatmigkeit bei mir verursacht, aber wir sind ja noch gut in der Zeit. Das sollte man aber unbedingt beachten, denn die Gespräche im Bus beweisen, dass Stau und derartige Verzögerungen absolut normal sind hier.
Kurz vor 17 Uhr sind wir wieder am Busbahnhof in Cannes - von dort geht es raschen Schrittes (sorry Mama) zum Bootsanleger, um 17.40 Uhr sind wir wieder an Bord und füllen unsere Flüssigkeitsreservoirs auf. Dann ein paar Anrufe, ein paar Postkarten und auf die Kabine, dann umziehen und um 18.45 Uhr ins Hanami.
Ich wollte meinen beiden Mitreisenden ja mit einem Original Tim-Raue-Abendessen was Gutes tun. Wollte... Denn nun, weder Service noch Essen waren herausragend. Die Restaurantleiterin war nett, aber bald wieder weg und die Kellner/innen haben uns leider sehr schlecht verstanden, so dass Nachfragen nur sehr begrenzt möglich waren. Nicht falsch verstehen: Das Essen war nicht schlecht, der Abend gut, vor allem auch die Aussicht vom Heck aus (wenngleich man das erst genießen kann, nachdem die Wahnsinns-Sonne weg ist, es gibt keine Vorhänge oder Rollos) aber im Vergleich zum Atlantik ist das Essen nicht besser und auch auf den "Oh mein Gott, Tim Raue kocht so gut"-Moment warteten wir vergebens. Bruderherz ist sogar trotz Hanami-Ente so hungrig, dass er uns überzeugt, noch einmal auf einen "Absacker" Vorspeise (Salat mit Krabben) und Dessert (Mango-Creme Brulee) ins Gosch zu gehen. Aber nun, wir haben es mal ausprobiert. War dann aber auch das letzte Mal - denn dafür ist das Atlantik zu gut... Sushi kann man sicher mal wieder machen, aber die Tim-Raue-Gerichte, ... phhh.... sagen wir mal so: Gut, dass wir keine Berliner Preise dafür bezahlt haben.
Danach warm anziehen, noch einen Aperol Spritz und dann in die Arena, wo ein cooler Haufen von Unentwegten mit Decken und Alkohol die "Santiano"-Show schaut. Richtig gute Stimmung und ein schöner Abschluss für einen schönen Tag.